Kritik zu The Father

© Tobis Film

An Bühnen weltweit feierte der französische Autor Florian Zeller mit »The Father« Erfolge. Jetzt hat er sein Stück über den geistigen Niedergang eines alten Mannes für die Leinwand inszeniert, mit dem überragenden Anthony Hopkins in der Titelrolle

Bewertung: 4
Leserbewertung
5
5 (Stimmen: 1)

Für gleich sechs Oscars ist dieses Filmdebüt eines Theatermannes nominiert, und Anthony Hopkins könnte, fast 30 Jahre nach seinem ersten für »Das Schweigen der Lämmer« Ende April einen der Goldjungen mit nach Hause nehmen. Seine Darstellung eines alten Londoner Herrn – ebenfalls mit Namen Anthony –, der Schritt für Schritt die Kontrolle über sein Leben verliert, aber kämpferisch auf seiner Eigenständigkeit beharrt, markiert in jedem Fall einen neuen Höhepunkt in seiner an großartigen Darbietungen nicht gerade armen Schauspielerlaufbahn. Zwischen Starrsinn und Verletzlichkeit, Zärtlichkeit und Bosheit, plötzlich aufblitzendem Charme und tiefer Verzweiflung findet Hopkins einen ungeheuren Reichtum von Nuancen, spielt sich aber nie zu mimischer Angeberei auf, sondern trifft – man muss es so pathetisch sagen – mit seiner schlichten Menschlichkeit direkt ins Herz. 

Der Film verleugnet seine Bühnenherkunft nicht. Und doch wird dieses Kammerspiel zu einer ungemein filmischen Angelegenheit und hebt sich letztlich stark von anderen, thematisch verwandten Filmen wie »Still Alice« mit Julianne Moore, »An ihrer Seite« mit Julie Christie oder auch Michael Hanekes »Liebe« ab. 

In einer Abfolge ruhiger Szenen sehen wir, wie der zunächst rüstig und eloquent wirkende alte Herr mit seiner Tochter aneinandergerät, weil er eine Pflegekraft vergrault hat. Wir registrieren skurrile Ticks – Anthony verlegt ständig seine Armbanduhr und verdächtigt dann andere des Diebstahls –, sehen Anzeichen von Verwirrung, wenn er etwa mit Einkäufen in der Küche herumsteht, gut gelaunt, geradezu beschwingt, dann aber nicht mehr zu wissen scheint, was er gerade tut. Noch manifester wird sein Zustand, als er schockiert vor einem »fremden Mann« im Wohnzimmer steht, der ihm erklärt, er sei der Mann seiner Tochter Anne, und zwar schon seit zehn Jahren. Aber hatte Anne nicht gerade angekündigt, wegen einer neuen Liebe nach Paris ziehen zu wollen?

Während Anthony darum kämpft, den Überblick zu behalten, merkt man als Zuschauer, wie man selbst ins Schwimmen gerät. Es mehren sich Widersprüche in den Dialogen, in den Bildern, dann changieren sogar die Figuren – so erscheint plötzlich nicht Olivia Colman, sondern Olivia Williams in der Rolle Annes. »The Father« erzählt aus der Perspektive Anthonys, und dessen Verunsicherung überträgt der Film auf den Betrachter. Logische Brüche, aber auch unscheinbare Details, zeitliche Ellipsen und seltsame Wiederholungen, Unklarheiten, die sich bis in die Sets hinein fortpflanzen – befinden wir uns in Anthonys Apartment oder in dem von Anne und ihrem Mann? – all das macht »The Father« zu einer sehr ungewöhnlichen Art von »Mindfuck«-Film.

Es ist eine höchst effiziente Strategie, mit der Zeller uns manipuliert. Der nüchterne Realismus, der die Inszenierung an der Oberfläche beherrscht und auf übliche filmische Marker für Halluzinationen verzichtet, entspricht Anthonys Wahrnehmung: Ihm erscheint die eigene Sicht logisch und kohärent; die Verrückten, das sind die anderen. Und weil der Film sich diese subjektive Sicht zu eigen macht, wird Anthonys »schwieriges« Verhalten emotional nachvollziehbar, seine Ungeduld, sein krampfhaftes Beharren auf den Dingen, die ihm noch ein wenig Halt geben, schließlich auch seine Verzweiflung. Doch auch die Auswirkungen einer Demenz­erkrankung auf das Umfeld, die Nöte der Angehörigen, hier allen voran Annes Frus­tration und Trauer wie auch ihre Tapferkeit, behält Florian Zeller in seinem bewegenden Leinwanddebüt sehr aufmerksam im Blick. 

Ein versöhnliches Ende kann es da naturgemäß nicht geben. »The Father« ist ein unbarmherzig ehrlicher Film ohne Raum für Sentimentalität, und dass seine Geschichte so alltäglich, so allgegenwärtig ist, macht ihn nicht leichter zu ertragen. Womit er einen aber belohnt, ist eine ungewöhnliche, tatsächlich »bewusstseinserweiternde« filmische Erfahrung und große, bewegende Schauspielkunst.

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