Interview: Stefan Haupt über seinen Film »Zwingli – Der Reformator«

Stefan Haupt. Foto: Frederik Bugglin (2018)

Stefan Haupt. Foto: Frederik Bugglin (2018)

Der 1961 geborene Züricher Stefan Haupt drehte unter anderem die Dokumentarfilme »Elisabeth Kübler Ross« (2002) und »Ein Lied für Argyris« (2008) sowie die Spielfilme »Utopia Blues« (2001) und »Der Kreis« (2014), den die Schweiz für den Auslands-Oscar einreichte. Zuletzt war er 2018 mit »Finsteres Glück« in den Kinos

Sie waren nicht von Anfang an bei dem Projekt dabei. Was hat sie bewogen, da einzusteigen?

Ein ganz klares Interesse. Es gab so viele Fäden, die für mich interessant waren. Zum einen mein kirchlicher Hintergrund. Ich bin in der Methodistenkirche in Zürich aufgewachsen, aber mein Vater dirigierte auch einen Chor der Landeskirche, in der reformierten Kirche, und für mich war diese Kirche, die Zwingli-Kirche, immer die freiere, offene. Da hatte ich schon mal ein positives Grundgefühl. Ich war häufig bei meinem Großvater in Wildhaus in den Ferien, und besuchte dort oft das Geburtshaus von Zwingli; ich habe im Großmünster im Kinderchor gesungen, ich liebe die Zürcher Altstadt. Wir wachsen ja alle aus unseren Wurzeln, auch, wenn wir sie kaum zu kennen meinen – ich denke, dass die immer noch stärker nachwirken, als wir es uns bewusst sind. So hat mich das Projekt elektrisiert.

Von Zwingli als historischer Figur gibt es kein Bild. Macht es das einfacher oder schwieriger, sich einer historischen Figur zu nähern?

Hätte es mehr Bilder gegeben, hätte es das auch nicht einfacher gemacht. Es gibt ja aber sehr viele Schriften von ihm – und er hat schon einen sehr starken Abdruck hinterlassen. Für mich war eher die Herausforderung, ihm gerecht zu werden, seiner Haltung, dem, wofür er eingestanden ist. Zugleich sind die 500 Jahre seitdem eine große Distanz. Die Damaligen haben das Leben so anders wahrgenommen als wir heute. Das müssen wir uns einfach bewusst sein; unsere heutigen Überzeugungen und Ansichten verstellen uns da häufig den Blick auf jene Zeit. Ein Beispiel: Mir haben viele Bekannte gesagt, das ist doch absurd, dass er schließlich in den Krieg ziehen wollte, wenn er doch ein Pazifist war. Da ist eine Relativierung nötig. Zum einen war Zwingli meiner Meinung nach kein Pazifist, sondern gegen das Söldnersystem – dass Eidgenossen gegen Eidgenossen kämpfen und sich umbringen im Dienste von anderen Herren. Hingegen für seine Überzeugung zu kämpfen: Das war ihm ganz selbstverständlich. Das ist etwas, das wir nur ganz schwer nachvollziehen können. Da muss man auch einen Respekt haben vor der anderen Zeit, dem anderen Denken. Und für mich ist die Frage gewesen: Wie bringen wir das rüber, ohne allzu didaktisch zu sein, in der beschränkten Zeit eines Films? Besonders, weil es ja der erste wahrnehmbare Zwingli-Film ist.

Sie haben es angesprochen: In ihrem Film ist Zwingli ein Mensch mit Widersprüchen. Er paktiert ja auch mit der weltlichen Macht.

Das war historisch so. Ich finde es immer wieder interessant, Zwingli mit Luther zu vergleichen, weil sie ganz unterschiedliche Geschichten hatten. Luther ist in einer hierarchischen Mönchsordnung aufgewachsen und dann von einem Fürsten in Sicherheit gebracht worden. Zwingli aber kam aus einem Dorf, sein Vater war der Gemeindeamtmann dort, er hat also miterlebt, wie die Männer des Dorfes, der Ältestenrat, zum Beispiel die Weiden verteilt haben. Das Land, das dem Dorf gehörte, war Allgemeingut. Zwingli hat gewissermaßen Urformen von Demokratie miterlebt. Wenn er nach Zürich kommt, ist sehr spürbar, dass er ein Bewusstsein hat dafür, dass da eine Regierung ist, die ein Recht darauf hat zu regieren, mit der man aber auch zusammenarbeiten kann und muss. Insofern haben beide voneinander profitiert. Zürich war eine Freie Reichsstadt und hat ihn gewissermaßen benutzt, um sich mehr vom Bischof in Konstanz abzunabeln. Umgekehrt hat Zwingli die Unterstützung des Rates genutzt, um sich selbst vom Bischof und der offiziellen Kirchenlehre zu lösen.

Die Reformation in der Schweiz hat also sehr viel zu tun mit der Verfasstheit Zürichs als Reichsstadt. Ihr Film betont aber auch die soziale Ungerechtigkeit und die Armut in dieser Zeit.

Zwingli hat immer eine starke soziale Ader gehabt: mit den Sätzen aus der Bergpredigt, dass die auch gelebt sein sollen. Dass es nicht um den Prunk und den Luxus der Kirche geht, sondern um die Gemeinschaft. Die Zwinglianische Almosenordnung von 1525, das war ein ganz früher erster Ansatz eines Sozialstaates. Auch die Bildung war ihm wichtig, deshalb auch die Zürcher Bibelübersetzung. Viele Zuschauer empfinden ja die Sache mit dem Koran im Film als einen Witz, aber es war tatsächlich so: Die erste gedruckte lateinische Fassung des Korans erschien in Zürich – zwar einige Jahre nach Zwinglis Tod, aber ich bin überzeugt, dass er von dem Projekt wusste. Zwinglis Engagement in Sachen Sozialpolitik und Bildung wirkt meiner Meinung nach in der Schweiz heute noch nach.

Aber als ein strahlender Held erscheint Zwingli nicht. In ihrem Film kommt auch die Ermordung seines Freundes, des Täufers Felix Manz, vor.

Ein Historiker hat mir mal das Kompliment gemacht, dass ich aus Zwingli keinen schweizerischen Nationalhelden mache, aber auch keine Generalabrechnung unternehme. Das war meine Intention. Und es ist ja auch wirklich keine reine Heldengeschichte – er verliert am Ende sein Leben. Dennoch überwiegt bei weitem das Positive, das er angestoßen hat.

Die finale Schlacht, in der er zu Tode kommt, zeigen Sie nicht, sondern wie die geschlagene Armee durch das Stadttor hereinkommt. Das ist sehr ergreifend.

Dafür habe ich gekämpft. Weil ich dachte, ich muss mich nicht mit Mel Gibson messen, der kann eine solche Schlacht besser. Und das ist ja nun auch wirklich nicht der Kern der Reformation.

Gab es denn vonseiten der Kirche Versuche, auf den Film Einfluss zu nehmen?

Gar nicht. Manche mögen ja denken, dass der Film von der Kirche bezahlt wurde. Das stimmt nicht; sie hat ein Zwanzigstel des Budgets zugeschossen und uns keinerlei Auflagen gemacht. Im Gegenteil: Ich habe selbst mit mehreren Pfarrern der Altstadtkirchen gesprochen und einen versierten Reformationshistoriker, Peter Opitz, gebeten, das Drehbuch zu lesen und den Rohschnitt anzuschauen, damit er mich auf gravierende Fehler hätte hinweisen können.

Jeder Film muss dramatisieren. Gab es denn die Äbtissin, die sich auf die Seite der Reformation schlägt, wirklich?

Doch, doch, die gab es. Das war Katharina von Zimmern, die Äbtissin des Frauenmünsterklosters. Sie hat tatsächlich das Kloster der Stadt überschrieben. Wie freiwillig das gewesen ist, weiß man natürlich nicht. Sie war auf dem Papier die mächtigste Frau von Zürich; demnächst erscheint eine Biografie über sie.

Ihr Film wirkt sehr authentisch, das liegt auch an den fahlen Farben.

Der Kameramann Michael Hammon und ich wollten zum Beispiel unbedingt, dass die Nacht wie die Nacht aussieht, dass nur wenig Licht scheint. Auch das war ja ganz anders in der damaligen Zeit: Nachts war es schwarz.

Zur Authentizität des Films gehört auch, dass sie im Zürcher Großmünster gedreht haben, also an der Stelle, wo Zwingli als Leutpfarrer wirkte.

Ich bin immer noch wahnsinnig glücklich, dass wir von den verschiedensten Stellen die Bewilligung erhalten haben, im Großmünster selbst zu drehen. Es wurde tatsächlich für vier Wochen gesperrt – und es gab Touristen, die verärgert vor der Tür standen. Gottesdienste konnten aber immer abgehalten werden, das haben wir so eingerichtet. Wir haben die Hälfte der Bänke herausgenommen, die Lampen abmontiert und die Altäre aufgebaut. Es war eine sehr inspirierende Sache, auch für Max Simonischek, der den Zwingli spielt, zu wissen: Ich bin jetzt an dem Ort, wo Zwingli gestanden hat. Das war wirklich wie ein Auftrag für uns – das Bestmögliche daraus zu machen.

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