Kritik zu Der Kreis

© Salzgeber

Mit den Mitteln der Dokufiction rekons­truiert Stefan Haupt die Lebens- und Liebesgeschichte zweier Männer im Kontext eines avantgardistischen Zürcher Schwulenmagazins

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Als erstes schwules Paar in der Schweiz schlossen sie 2004 im Kanton Zürich eine Homo-Ehe. Zu dieser Zeit lebten die beiden Männer allerdings schon fast ein halbes Jahrhundert zusammen, heimlich. Zwar wurden gleichgeschlechtliche Orientierungen in der Alpenrepu­blik schon 1942 weitgehend entkriminalisiert. Das heißt aber nicht, dass Schwule und Lesben sich frei in der Öffentlichkeit bewegen konnten. Ernst und Röbi trafen sich im Verborgenen und kommunizierten über das Magazin Der Kreis – in dessen Redaktionsräumen sie sich kennenlernten.

Diese Koinzidenz nahm der Schweizer Regisseur Stefan Haupt zum Anlass, die rührende Geschichte dieses Paars und die des Magazins ineinander zu spiegeln. In der europäischen Schwulenbewegung nahm die dreisprachig publizierte Zeitung eine Vorreiterrolle ein. Ihr Herausgeber »Rolf« alias Karl Meier organisierte Theateraufführungen und Ballveranstaltungen, zu denen europaweit bis zu 800 Gäste anreisten. Hinter vorgehaltener Hand nannte man die Flugroute zwischen Frankfurt und Zürich, dem Zentrum der schwulen Subkultur, »Warmlufthansa«.

Passend zum Thema ist auch der Film als Dokufiction quasi »bi«. Vor der Kamera erzählt das schwule Paar Ernst und Röbi seine Lebensgeschichte, die mit den Mitteln des Spielfilms zugespitzt wird. Newcomer Matthias Hungerbühler überzeugt als schüchterner, junger Ernst Ostertag, der als angehender Lehrer an einer Mädchenschule um seine Festeinstellung bangen muss. Seine zartfühlend beobachtete Beziehung zu dem Coiffeur Röbi (Sven Schelker), der als Transe lokale Berühmtheit erlangt hat, wird vor dem Hintergrund dramatischer Ereignisse nachgezeichnet, an der die Szene beinahe zerbricht. Die Polizei nimmt Morde im Schwulenmilieu als willkommenen Vorwand, um die diskret im Hintergrund agierende Gemeinschaft der Zürcher Homos ins grelle Licht der Öffentlichkeit zu zerren. Dabei wird auch das Doppelleben des Schulrektors Sieber (Peter Jecklin) enttarnt, der zu Hause Frau und Kind hat und trotzdem zu Strichern geht.

Obwohl der Film recht brav, beinahe bieder inszeniert ist, geht der Selbstmord des schwulen Rektors unter die Haut. Die Tragik dieses Homosexuellen wird nachvollziehbar, weil Stefan Haupt die Geschichte dieser Nebenfigur in sein lebendig gezeichnetes Sittenbild der Zürcher Schwulenszene einbettet. Neben Matthias Hungerbühler und Sven Schelker lässt eine ganze Reihe überzeugender Darsteller homosexuelle Charaktere auf eine nie klischeehafte Weise lebendig werden. Sogar Marianne Sägebrecht als Röbis Mama passt.

Der Kreis ist nicht so avantgardistisch wie ein Film von Derek Jarman, nicht so überdreht sophistisch wie eine Komödie von Almodóvar und auch nicht so düster wie ein Drama von Fassbinder. Stefan Haupt gelingt etwas Eigenes: In den 60er Jahren führt Ernst seinen Freund Röbi in die erste gemeinsame Wohnung. Schnitt. Dokumentarische Bilder zeigen die beiden über 80-Jährigen, die immer noch hier wohnen. Die gelungene Verschmelzung zwischen Doku und Fiction gibt dem Film eine berührende Authentizität.

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