Kritik zu Finsteres Glück

© W-film

2016
Original-Titel: 
Finsteres Glück
Filmstart in Deutschland: 
16.08.2018
V: 
L: 
114 Min
FSK: 
Ohne Angabe

Starker visueller Sog: die Ver­filmung von Lukas Hartmanns gleichnamigem Roman durch den Schweizer Regisseur Stefan Haupt lockt mit eleganter Inszenierung

Bewertung: 3
Leserbewertung
0
Noch keine Bewertungen vorhanden

Der Isenheimer Altar von Matthias Grünewald ist mit seinem reichhaltigen Motivprogramm und der sublimen Lichtsetzung ein Höhepunkt religiöser Weltkultur. Grimmige Monster aus der dortigen Versuchung des Antonius sehen uns zu Anfang des Films mit runden Augen aufmerksam an. Dann Blick aus einem fahrenden Auto in eine weite von hinten fahl beleuchtete Landschaft. Eine Kamerafahrt vom Himmel herunter zu einer blondgelockten Madonna mit Kind aus der Tafel »Konzert der Engel« – und zurück in den Raum, so dass das Bild als Reproduktion an der weißen Wand eines Zimmers sichtbar wird. Davor eine ebenfalls blondgelockte Frau mittleren Alters. »Ist das jetzt die Sonnenfinsternis?«, fragt sie in Schweizerischem Dialekt ihr Gegenüber.

Mit solchen Bildern, einer raffinierten Lichtführung und souveräner Montage entwickelt »Finsteres Glück« zum Auftakt einen starken visuellen Sog. Leider trägt der nicht lang. Denn der Inszenierung kommt ein Plot dazwischen, der das erhoffte Rätsel zu schnell zum bloßen Fall macht. Die ausgelegten Motive finden in einem Handlungsstrang zusammen, der nur noch durch ein paar kurze Flashbacks unterbrochen wird. Dieser verbändelt die Psychologin Eliane (die blondgelockte) durch einen drastischen Trick des Drehbuchs mit einem Jungen im Grundschulalter, der gerade bei einem Autounfall Eltern und Geschwister verlor.

Eliane wird vom Krankenhaus mit Yves Betreuung betraut und findet bald heraus, dass in dessen Familie auch vor dem Unfall vieles nicht stimmte. Das manifestiert sich deutlich in Tante und Großmutter des Jungen, die ihn gegen seinen Willen zu sich nehmen wollen. Doch Yves Familiengeschichte spült auch Verdrängtes aus der Vergangenheit von Eliane nach oben, die mit zwei psychisch angeschlagenen postpubertären Töchtern von verschiedenen Vätern in einem für eine Krankenhausangestellte erstaunlich schicken Haus lebt.

Der Plot mit der drastischen Prämisse stammt aus dem gleichnamigen Roman des Schweizer Autors Lukas Hartmann und bewegt sich von dort langsam zu einem klassischen Ende. Dass dabei gleich mehrere Frauen jenseits der Vierzig im Fokus stehen, macht den Film auf den ersten Blick gender-statistisch zur rühmlichen Ausnahme. Bei genauerem Hinsehen ist das Frauenbild aber dann doch arg traditionell, der Streit um das Sorgerecht von Yves etwa ist als Zickenkrieg inszeniert mit Oma und Tante als karikaturesken Monstern. Auch Psychologin Eliane wird so sehr auf ihre mütterliche Komponente verkürzt, dass sie in ihrer ärztlichen Arbeit erschreckend unprofessionell wirkt. Thematisiert wird das im Film nie, was bei einer männlichen Figur undenkbar wäre.

Dies alles, aber auch die Form der Konfliktlösung mit einem schmalzigen Happy End machen den Film trotz seiner handwerklichen Stärke im Endergebnis zu einer Kolportage, die die überdeutlich ausgelegte Metaphorik inhaltlich nicht tragen kann. Am Ende sieht es so aus, als wäre die eine gestörte Familie nur geopfert wurde, um eine andere zu heilen.

Meinung zum Thema

Ihre Meinung ist gefragt, Schreiben Sie uns