Kritik zu The Tourist

Trailer englisch © Columbia Pictures

Nach all dem Warten eine Enttäuschung: Florian Henckel von Donnersmarcks Hollywooddebüt ist ein ambitioniertes, aber unausgegorenes Gaunerabenteuer

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Kein Wunder, dass Angelina Jolie bei diesem Projekt als treibende Kraft fungierte. Ihre Elise Ward ist ein wahrhaft glamouröser Charakter: eine Frau mit Geheimnis, souverän und selbstbewusst, von betörender Eleganz und Schönheit. Sie geht nicht, sie schwebt; sie lächelt nicht, sie leuchtet; sie redet nicht, sie verkündet. Alles hat sie unter Kontrolle, ihre perfekt ondulierte Mähne ebenso wie die outrierten Kostüme und Gewänder, ihre Bewacher vom Secret Service ebenso wie den tumben Mathelehrer aus Wisconsin, den sie im Zug aufgabelt. Der dekadente Prunk Venedigs hat nur auf sie gewartet, auf diese Luxusgöttin, auf diesen Traum aus Samt und Seide. Jolie stilisiert Elise zum perfekten Kunstprodukt – und schafft es dabei, das Mondäne ironisch zu verfremden, das Ganze als lässiges Spiel zu präsentieren. Schaut her, zwinkert sie uns zu, dies ist mein klassischer Hollywoodmoment, und ich genieße jede Sekunde. Im Vergleich dazu wirkt Sophie Marceau im französischen Original geradezu schlicht – und das will wirklich etwas heißen.

Jolie trifft mit ihrer exaltierten Darstellung den richtigen Ton – sie deutet an, wie aus »The Tourist« großes Entertainment hätte werden können: mit mehr Mut zur artifiziellen Überhöhung, mit mehr Sinn fürs Magische, mit mehr Spaß an der Leichtigkeit. Am Anfang sieht es so aus, als wolle Florian Henckel von Donnersmarcks Hollywooddebüt genau diesen Kurs einschlagen. Alles am extravaganten Retrochic des Films erinnert an die Gentleman-Gauner-Komödien von Alfred Hitchcock und Stanley Donen: die grandiose Architektur und die pittoreske Szenerie, das warme mediterrane Licht, die pompöse Musik. Auch die Kamera hat etwas Kraftvolles, Dynamisches mit ihren flüssigen, präzisen Bewegungen. Doch je mehr das Rätsel um den verschwundenen Trickbetrüger Alexander Pearce vor uns ausgebreitet wird, desto unausgegorener wirkt das erzählerische Gesamtkonzept, desto weiter klaffen Anspruch und Wirklichkeit auseinander.

Dass die Story, in der britische Behörden und russische Mafia einen unschuldig Beschuldigten verfolgen, der Logik entbehrt – geschenkt. Auch in »Der unsichtbare Dritte« und »Über den Dächern von Nizza« darf man nicht nach Plotplausibilität fragen. Dass zwischen Jolies Elisa und dem von Johnny Depp erstaunlich lahm angelegten Frank keine Funken fliegen, lässt dagegen ein Vakuum entstehen, wo eigentlich das Herz des Films schlagen müsste. Ohnehin ist Depp als Durchschnittstyp komplett fehlbesetzt, eine Tatsache, die die Macher dazu verführte, ihn so unattraktiv wie möglich erscheinen zu lassen: mit Zottelmähne und Ziegenbart, untersetzt und schwerfällig. Ob Elisa ein Spiel mit ihm spielt, ob sie Gefühle für ihn entwickelt oder diese nur vortäuscht und ob dieser ausdruckslose, nie selbst aktiv werdende Schlaffi das überhaupt verdient hätte, darüber schweigt sich das Drehbuch beharrlich aus.

Was die zentralen Handlungselemente betrifft, bleibt dieses Remake erstaunlich nah an seiner Vorlage, Jérôme Salles »Fluchtpunkt Nizza«. Wo es eigene Wege geht, trifft es die falschen Entscheidungen. Salles Film ist ein raffinierter Actioner mit Anleihen bei Besson, voll mit stilistisch beeindruckenden Verfolgungsjagden und Schießereien. »The Tourist« poliert den Look in Richtung Opulenz und die Dialoge in Richtung Einzeiler – beides nicht eben überraschend für Konfektionsware Marke Hollywood. Verblüffend ist dagegen, dass Donnersmarck die Action gegen null fährt und das wenige, was noch vorhanden ist, ziemlich hüftsteif inszeniert. Man jagt nicht durch die Straßen von Nizza, sondern schippert über den Canale Grande. Und den Showdown, im Original noch ein beinahe tarantinoesker Shoot-out zwischen verschiedenen Fraktionen, mag man in seiner Kürze und Spannungslosigkeit kaum als solchen bezeichnen.

Es ist zwar übertrieben zu behaupten, Donnersmarck sei, vier Jahre nach dem Triumph von »Das Leben der anderen«, den »Tod in Venedig« gestorben, wie es ein amerikanischer Kritiker formulierte. Dennoch bleibt festzuhalten, dass »The Tourist« trotz großer Gesten und erhabener Töne sein selbsterklärtes Ziel, auf Augenhöhe mit Hollywoods alten Meistern zu operieren, um Längen verfehlt. Es ist nur ein kleiner Schritt von der Grandezza zum Größenwahn.

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