Duisburger Filmwoche: Film der Worte

»Barstow, California« (2018)

»Barstow, California« (2018)

Zum letzten Mal hat Werner Ružička die Duisburger Filmwoche geleitet, die nicht nur Dokumentarfilme zeigt, sondern bei der die Diskussion über die Filme genauso wichtig ist

Es war glatt zum Fremdschämen, wie Vertreter der beiden preisstiftenden Sender 3sat und arte die Preisverleihung der Duisburger Filmwoche zur Werbeveranstaltung in eigener Sache instrumentalisierten. Dabei sollte es doch eigentlich um die Filme gehen. Und zu­sätzlich um die Verabschiedung des langjährigen Festivalleiters Werner Ružička, der die Filmwoche seit 1985 führte und nach dieser Ausgabe in den (beruflichen) Ruhestand geht. Zum Glück hatte der auch in dieser peinlichen Situation genug Geistesgegenwart und Humor, um die Attacke mit einem coolen Spruch zu parieren. Jetzige und ehemalige MitstreiterInnen hatten sich vorausschauend schon am Tag vorher ganz ohne Sender-Funktionäre in einer internen Abschiedsfeier den zu diesem Anlass notwendigen Erinnerungen und Sentimentalitäten ergeben.

Ružičkas leidenschaftliches Eintreten für den unabhängigen Dokumentarfilm hat das Festival über die Jahrzehnte getragen und mit Energie gefüllt, sein beharrliches Werben für das ungewöhnliche spröde Format (nur ein Film gleichzeitig, lange Pausen zum Debattieren) bei den Geldgebern in Stadt und Land seine Existenz materiell ermöglicht. In welcher Form und mit wem es weitergeht, war auch zum Ende der Filmwoche noch unklar, auch wenn Vertreter der Stadt nicht nur im Vorwort des Katalogs ihre bleibende Unterstützung für das kul­turelle Juwel ihrer Stadt verkündeten.

In Cannes und Venedig stand dieses Jahr Netflix als neue Produktionsform im Zentrum der Debatte. In Duisburg ist man da mediengeschichtlich eine Epoche zurück – und eröffnete ungewohnterweise mit ­einer reinen Fernsehproduktion (weder von arte oder 3sat) das Festival. Es war die ARD-Produktion »Kulenkampffs Schuhe« (Regie: Regina Schilling), die im August sehr erfolgreich gesendet wurde und die großen Fernsehshows von Kulenkampff, Hans Rosenthal und Peter Alexander und ihre sogenannten Showmaster mit den Kriegs-Traumatisierungen der ebenfalls in den 1920ern geborenen Männer vor dem Bildschirm kurzschließt.

Ein Zeitporträt als Kompilationsfilm aus Home-Movies der Familie Schilling und reichlich TV-Material, wegen dem er in Deutschland auch keine Chance auf Kinoverleih hätte. Denn die Rechte für eine Kinoauswertung wären unbezahlbar. Hier Änderung zu schaffen, forderte auch die Duisburger 3sat-Jury deutlich, die Schillings Film eher überraschend eine der beiden Hauptauszeichnungen verlieh. Der arte-Preis ging erwartbarer an Rainer Komers aus Mülheim, dessen Filme merkwürdigerweise seit 1998 nicht mehr ins benachbarte Duisburg eingeladen worden waren. »Barstow, California« ist eine auf allen Ebenen gelungene Agglomeration aus Porträt und Ortserkundung, die Erzählungen des seit 1977 in Gefängnissen einsitzenden afroamerikanischen Dichters Spoon Jackson mit Ansichten seines Herkunftsortes verschmilzt. Dabei, so die Jurybegründung, »entsteht ein Bild von Spoon Jackson aus kleinen und kleinsten Teilen, die nie zu eindeutig, nie zu klar, nie zu einfach sich zueinanderfügen und gerade darin den Mensch wie den Ort zum Schillern bringen«.

Sichtlich ein bisschen skurril für alle Beteiligten, dass der Förderpreis mit Andreas Goldstein an einen Regissseur ging, der zwar filmisch ein Spätzünder sein mag, mit über 50 Jahren aber sicherlich kein Filmnachwuchs mehr ist. Immerhin geht es in »Der Funktionär« um eine Vater-Sohn-Beziehung, nämlich um die des Regisseurs zu dem ehemaligen kommunistischen Widerstandskämpfer und späteren DDR-Funktionär Klaus Gysi, dessen Leben und letztendliches Scheitern Goldstein in fast ­poetisch reduzierten Sätzen und einer immer wieder fragmentarisch gebrochenen Bilder-Montage beschwört.

Die Zukunft der Filmwoche scheint erstmal ungewiss. Positiv zu vermelden ist, dass es seit diesem Jahr als neuen Preis im Jugendbereich ein mit 9.000 Euro dotiertes Arbeitsstipendium des Landes NRW gibt. Das ging an die Filmemacherin Dana Linkiewicz, die sich in ihrem Projekt »Die grosse Stille« mit der prekären sozialen Situation der jungen Generation in Deutschland beschäftigen will.

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