Kritik zu William S. Burroughs: A Man Within

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Zwischen Depression und Drogen, zwischen Popkultur und literarischem Experiment - Yony Leysers Film zeigt William S. Burroughs als Autor und als Menschen in all seiner Widersprüchlichkeit

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Man kennt die Titel. »Junky«, »Naked Lunch« oder »Queer«. Man weiß um Fragmente seiner Lebensgeschichte, seine Drogensucht, den tragischen Tod seiner Frau, die er bei einer Art Willhelm-Tell-Spiel in Mexiko versehentlich erschoss, seine Homosexualität. Und natürlich die Beatgeneration. Seine Freundschaft mit Allen Ginsberg und Jack Kerouac. Das ist gerade genug, um William S. Burroughs als bekannt abzuhaken und sich anderen Autoren zuzuwenden. Aber Yony Leysers Film William S. Burroughs: A Man Within zeigt, dass dies ein großer Fehler wäre.

Denn William S. Burroughs hat nicht nur ein Vielfaches dieser drei Romane geschrieben, sondern war für eine weitaus größere kulturelle Szene prägend als die Beatgeneration. Bands wie Soft Machine benannten sich nach seinem Werk, andere wie Patti Smith griffen auf Burroughs-Zitate als Titel ihrer Songs zurück. Sein Roman »Naked Lunch« wurde zur Bibel von Punks, Hippies, der Queer-Bewegung, von Revolutionären, Künstlern und Musikern in aller Welt. Wahrscheinlich beruft sich so ziemlich jede gegenkulturelle Bewegung des 20. Jahrhunderts auf ihn.

Burroughs ist eine Ikone. Und das nützt dem Autor, dem Künstler Burroughs nichts. Im Gegenteil. Sie ersetzt die Beschäftigung mit seinem Werk oder führt zu Filmen wie Naked Lunch von David Cronenberg, der so voller verquerer Anspielungen steckt, dass man ihn nicht mehr genießen kann. Yony Leyser erliegt dieser Versuchung nicht. Er erzählt ganz entspannt aus Burroughs’ Leben und verbindet das mit seinem Werk. Doch es geht ihm nicht um die literarische Exegese. Er versucht den Kosmos zu beschreiben und den »Man within«. Es ist erstaunlich in welchem Umfang das gelungen ist.

Leyser bekam Freunde, Weggefährten, Kritiker und Bewunderer vor die Kamera. Er grub alte Interviews aus und nutzte privates Archivmaterial, um von dem Autor ebenso zu erzählen wie von dem Menschen, der Kultfigur und dem Getriebenen, der weder sich noch seinen Sohn retten konnte. Und die Zahl derer, die hier ganz intim oder erstaunlich gesellschaftsrelevant von Burroughs erzählen, ist lang. Patti Smith, Iggy Pop, Gus Van Sant, John Waters, Genesis Breyer P-Orridge, Laurie Anderson, Amiri Baraka, David Cronenberg und Allen Ginsberg – um nur einige zu nennen.

Und dann hat Leyser auch noch Zeit für einige animierte Sequenzen. Burroughs erscheint als grobe Drahtskulptur und kommentiert das Gesehene, Bilder aus dem Werk werden grafisch umgesetzt, und so kommt eine weitere Dimension hinzu, ähnlich wie in Rob Epstein und Jeffrey Friedmans Verfilmung von Allen Ginsbergs »Howl«, allerdings wesentlich sparsamer und auch gelungener. Zwischen diesen Interviews entsteht das Bild eines Intellektuellen und eines Individuums, das sich nicht mehr so leicht vereinnahmen lässt und sich damit aus den Klauen der Gegenkultur befreit. Wahrscheinlich braucht es genau dafür einen Medienwechsel. All die Studien zu Burroughs’ Werk, all die Untersuchungen zu seiner Person haben den Status eher verfestigt. Sich auf die Suche nach dem Menschen begeben zu haben, das ist die große Leistung dieses Films.

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