Kritik zu White Snail
Das österreichisch-deutsche Duo Elsa Kremser und Levin Peter nähert sich behutsam einer fragilen Liebesgeschichte und verweigert klassische Erzähldramaturgien.
In einem Krankenhaus in Minsk, Belarus, begegnet das Model Masha, das (möglicherweise) einen Selbstmordversuch unternommen hat, dem Maler Misha. Er ist groß, breit und kräftig, ein ganzkörpertätowierter Kerl, der sie sehr wahrscheinlich zerquetschen könnte. Sie ist grazil und hell, fast durchscheinend, und könnte jederzeit vom Wind davongeweht werden. Masha will in China Karriere machen und besucht eine Modelschule, in der Gehen, Stehen und der durchdringende Blick geübt werden; sie benutzt einen Regenschirm, auch wenn die Sonne scheint. Misha arbeitet in der Pathologie, führt Obduktionen durch und sorgt dafür, dass die Leichen hinterher trotzdem noch gut aussehen im Sarg. Außerdem malt er, aber nicht als Freizeitbeschäftigung; das Malen ist seine eigentliche Berufung, das mit den Leichen nur Beruf. Doch prägt das Grauen in vielerlei Gestalt seine Bilder. Vom Morbiden, das Misha umgibt, wird wiederum Masha magisch angezogen. Überhaupt spielen magische Praktiken eine nicht unwesentliche Rolle in »White Snail«, dem dritten Langfilm des österreichisch-deutschen Filmemacherduos Elsa Kremser und Levin Peter. Um ihr die (selbst)zerstörerischen Impulse austreiben zu lassen, wird Masha von ihrer Mutter zu einer Schamanin gebracht. Und Misha führt Masha zu einem Zauberbaum, der Krankheiten der Seele heilen kann. Über beides macht Masha sich lustig, kann aber ihre Sehnsucht nach Wärme und Fürsorge doch nicht verhehlen.
Auf den Essayfilm »Space Dogs« (2019), in dem sie die Anfänge des russischen Raumfahrtprogramms mit dem Leben gegenwärtiger moskowitischer Straßenköter kurzschlossen, und die halb geträumte Fiktion »Dreaming Dogs« (2024) über eine Außenseitergemeinschaft von Vier- und Zweibeinern am Rande der Metropole folgt nun also ein Spielfilm, der über die beiden Laiendarsteller*innen in der Realität verwurzelt ist. Tatsächlich nämlich stammen die von Trauma und Gewalt geprägten Gemälde in »White Snail« von Mikhail Senkov, der als Misha agiert, und Marya Imbro, die Masha spielt, strahlt die berufstypisch undurchdringliche Aura auch deswegen aus, weil sie im wahren Leben als Model tätig ist. Aber was ist schon »das wahre Leben« in einem Film von Kremser und Peter?! Sie legen auch diesmal die Bedeutung ihrer fragmentarischen Narration nicht fest, doch sie bieten mit Mashas »Haustieren« – großen weißen Schnecken, die sich vorsichtig vorantasten und einander behutsam befühlen – eine kraftvolle Metapher als Möglichkeit der Interpretation an.
Misha und Masha, der Maler und das Model, zwei einsame Seelen, die von einem anderen Leben träumen, die im Gegenüber ein ähnliches Sehnen erkennen, und denen es gelingt, die großen Unterschiede für eine Weile zu überbrücken und einander Trost zu geben. Geduldig und zurückhaltend beobachten Kremser und Peter die Annäherung ihrer Protagonist*innen, die Emotionalität ihrer Figuren und die Art von Beziehung, die ihnen vielleicht möglich wäre. Aus der Unschärfe der Interaktion –
inwiefern nähern sich auch Mikhail und Marya an? – entsteht ein Spannungsfeld, in dem einmal mehr der Realitätsbegriff auf dem Prüfstand steht. Und mit ihm die Differenz zwischen dem Dokumentarischen und dem Fiktiven.





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