Kritik zu Whatever Works

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Woody Allen ist für seinen 40. Film nach Manhattan zurückgekehrt. Dort drängelt sich nun der schrullige Physikprofessor Boris Yellnikoff (Larry David) ins Blickfeld, um seinen Weltschmerz loszuwerden

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»Das habe ich nicht gesagt, du Idiot!« Kurz darauf gefolgt von: »Ich möchte nicht mehr leben!« Ungeschickt, auch nicht besonders sympathisch führt sich der neue Protagonist Woody Allens ein. Mit einem Wortschwall baut sich dieser Boris Yellnikoff vor dem Zuschauer auf, um sein ganzes unglückliches Leben auszubreiten. Eine egozentrische Figur, ähnlich der, die Woody Allen alias Harry Block in seinem »Deconstructing Harry« spielte, ein Misanthrop, der nächtens von Panikattacken heimgesucht wird und sich selbst zu jedem Händewaschen mit »Happy Birthday Boris« gratuliert. Seine »gute Partie«, mit der er – damals noch Uptown – glücklich verheiratet war, hat ihn längst verlassen, der Nobelpreis für Physik ist auch haarscharf am hochgeschätzten Quantentheoretiker vorübergegangen, geblieben ist ein verkanntes Genie, das sich als Schachlehrer für hoffnungslos Unbegabte durchschlägt. Hoffnung auf Besserung ist nicht in Sicht, denn schon Boris' Vater wurde ein Opfer seiner Depressionen.

Doch die zu Hilfe geholte Rückblende relativiert mit einer einzigen Bemerkung die Ernsthaftigkeit des Lebensmüden: »Ich sterbe, aber nicht gleich.« Immer wieder zieht sich der Protagonist mit Hilfe des Autors geschickt aus der Schlinge – schließlich ist »Whatever Works« eine schwarze Komödie und im Einsatz ihrer Mittel nicht gerade zimperlich. Aber es dauert nicht lange, und der Film schlittert in eine Liebesgeschichte hinein: dem lebensmüden Misanthropen wird die junge Ausreißerin Melody (Evan Rachel Wood) aus Mississippi vor die Haustür gesetzt. Melody nistet sich bei ihm ein, verliebt sich in den alten Knacker, verordnet ihm Filme von Fred Astaire gegen die Depression und wird ihm eine passable Ehefrau. Aber dann erscheint plötzlich Melodys Mutter auf der Bildfläche, gefolgt von ihrem Vater – den die Unbefriedigte verlassen hatte –, die Verhältnisse werden komplizierter und das Tempo steigert sich zur Screwball-Comedy. Alles in allem ist »Whatever Works« meilenweit entfernt von den letzten Liebesgeschichten des Regisseurs, die, in London oder Barcelona stationiert, ebenfalls konfliktreich, doch um vieles charmanter daherkamen.

Um Jahr um Jahr einen neuen Film präsentieren zu können, greift Woody Allen in seine angeblich immer noch prall gefüllte Ideenschublade. Mit »Whatever Works« hat er ein über dreißig Jahre altes, ziemlich angestaubtes Projekt hervorgekramt, das er damals für den großen Broadway-Star und Komiker Zero Mostel geschrieben hatte. Mit dessen sanguinischem Temperament (»The Fiddler on the Roof«) haben weder Larry David noch Woody Allen viel gemein; auch wird die Lebensphilosophie, mit der sich der Hauptdarsteller am liebsten in direkter Ansprache an den Zuschauer wendet, nicht jeden erfreuen: »This is not your feel good movie of the year.« Das sitzt.

Wie also fühlt man sich als Zuschauer? Überrannt, an die Wand gedrückt von dieser Quasselstrippe von Hauptdarsteller, der keine gute Leinwandfigur abgibt und – endlich – von der Schwiegermutter Marietta (Patricia Clarkson) abgelöst wird. Die macht in Manhattan im Handumdrehn einen Persönlichkeitswandel durch, nachdem sie sich als Fotokünstlerin geoutet hat. Marietta wird hip. Mit der offensichtlichen Persiflage auf den heutigen Kunstbetrieb gewinnt die Komödie endlich an Fahrt und eben auch an Modernität.

Auf einmal überrascht der Film mit einer Ménage-à-trois mit Marietta in der Besucherritze und verbreitet ein Flair von hintersinnigem Woody-Allen-Geplänkel, das den grantigen Besserwisser Boris in den Hintergrund drängt.

Dass die Karten alle neu gemischt werden und zuletzt keine Beziehung mehr da ist, wo sie war, muss allerdings als Geniestreich des Regisseurs gewertet werden. Doch der Titel, der wohl auf dieses Ergebnis anspielen soll, lässt sich auch anders interpretieren. »Whatever Works« lässt dem Autor so viel Handlungsspielraum, wie er will – der Plot gerät zum Irrgarten. Den einen freut's, der andere ist verstimmt.

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