Kritik zu Veloce come il vento – Schnell wie der Wind

© MissingFILMs

2016
Original-Titel: 
Veloce come il vento
Filmstart in Deutschland: 
08.06.2017
L: 
119 Min
FSK: 
12

Die erst 17-jährige Giulia De Martino kämpft in der italienischen Sportwagen-Serie um Meisterschafts­punkte und die Zukunft ihrer Familie. Matteo Rovere kombiniert Action und Emotion, das Genre des Rennfahrerfilms mit dem Familienmelo

Bewertung: 4
Leserbewertung
0
Noch keine Bewertungen vorhanden

Lamborghinis und Ferraris, Corvettes und Porsche GTs duellieren sich auf dem Hochgeschwindigkeitskurs von Monza. Am Steuer eines Porsche-­Boliden: ein Teenager, die gerade 17-jährige Giulia aus einer Rennfahrerdynastie der Emilia-Romagna. Ihr Vater hat das Kommando an der Box. Über Funk dirigiert der alte Haudegen seine Tochter, eine Punkerin des Motodroms mit blaugefärbtem Haar unter dem Helm. Das Finale des Rennens inszeniert Regisseur Rovere ziemlich hemmungslos in einem Montage-Crescendo als italienische Oper und katholisches Melo: Während die junge Giulia um den Sieg kämpft, erleidet ihr Vater in der Pit Lane einen tödlichen Herzinfarkt. Zwischen das Motorengeheul mischen sich die Gedanken und Gebete von Giulia und ihrem sterbenden Vater

Wie in beinahe allen Rennfahrerfilmen  ist auch in »Veloce come il vento – Schnell wie der Wind« das Rennen gewissermaßen eine sportliche und sogar poetische Verdichtung des Lebens. Immer wieder wird in Roveres Film, der auf einer wahren Geschichte beruht und zugleich reine Rennfolklore darstellt, darüber philosophiert, wie man eine Rennstrecke angeht. Konzentriert man sich nur auf die Kurve, die man gerade ansteuert? Oder denkt man schon an die Kehren, die man noch gar nicht sieht?

Giulia muss sich nach dem Tod des Vaters um ihre Existenz sorgen. Am Rand von Imola, jener Stadt, die einen der berühmtesten Rennkurse Italiens beheimatet, lebt sie zusammen mit ihrem kleinen Bruder Nico, der niemals lacht, ganz so wie Buster ­Keaton. Das verwitterte große Anwesen, auf dem sie lebt, ist hoch belastet. Für ihre Rennfahrerkarriere hat sich der Vater noch schwer verschuldet.

Zur Beerdigung des Vaters kehrt dann überraschend der verlorene Sohn der Familie zurück. Loris, Giulias große Bruder, ist ein geradezu erbärmlicher Junkie, hypernervös, schwer angeschlagen an Leib und Seele. Das lange, fettige Haar hängt ihm ins Gesicht wie die bösen Strähnen eines ungnädigen Schicksals. Dieser Loris, gespielt von Stefano Accorsi als großer, manchmal komischer Verzweifelter, den man allmählich liebgewinnt, war einst selbst Rallyefahrer, »Ballerino« wurde er genannt, ein Künstler des Asphalts, der an seinen Konkurrenten förmlich vorbeitänzelte. Diese tragische Figur des gescheiterten Stars, der sich noch einmal beweisen muss, gehört zum klassischen Repertoire des Rennfahrer- und Sportlerfilms.

Wie nach einigen heftigen Auseinandersetzungen Loris, Giulia, Nico und ein wunderbarer uralter Mechaniker so etwas wie  eine fragile Familie bilden – das inszeniert Rovere auf anrührende Weise. Als schräge Außenseiterbande beginnen sie, die Race Tracks von Imola bis Mugello zu rocken. Ein Hauch von Howard Hawks liegt über diesem familiären Team. Loris trainiert Giulia. Seine Methoden sind recht unkonventionell. Einmal provoziert er eine Gruppe von Rockern und springt dann zu Giulia ins Privatauto. Sie muss ihr ganzes fahrerisches Können aufbieten und alle Regeln überschreiten, um im nächtlichen Imola den Bikern zu entkommen, die sie verfolgen. Eine seltsame gegenseitige education sentimentale findet statt: Loris ist der perfekte agent provocateur, Giulia ist meist ganz Vernunft, sein bodenständiger Halt. Loris hat sein Leben nach dem Motto des Rennfahrers Mario Andretti gelebt: Wenn du noch die Kontrolle hast, bist du nicht schnell genug. Giulia will diese Kontrolle unter allen Umständen halten, Loris verliert sie allzu oft: Das ist der Stoff für ein Melo über das Erwachsenwerden. 

Während des Meisterschaftskampfes erfahren Giulia und Loris von einem illegalen Autorennen, bei dem enorm viel Geld zu machen ist. Ein Todesrennen über öffentliche Straßen, das »Italian Race« genannt wird. In den Szenen um dieses Zombie-Rennen, das Giluia und Loris aus allem Schlamassel befreien könnte, wird Roveres klassischer Rennfahrerfilm ein wenig zum »Fast & ­Furious«-Ableger. Gekonnte, wilde Rip-offs waren immer schon eine Spezialität des populären italienischen Kinos, die Filmgeschichte nennt sie »filone«. »Fast & Furious«, Italian style, das heißt: ein gewisser Realismus, eine überwältigende Tragikomik.

Wenn auch Rovere in seinem solide inszenierten Film nie die Genialität italienischer Pulp-Meister wie Bava, Ferroni, Girolami oder Martino erreicht, freut man sich doch, endlich wieder ein Beispiel des italienischen Genrekinos zu sehen, das eine so große Tradition hat und fast verloren scheint.

Meinung zum Thema

Ihre Meinung ist gefragt, Schreiben Sie uns