Kritik zu Transsiberian

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Filme, die in Zügen spielen, sind ein wenig aus der Mode gekommen. Der Regisseur Brad Anderson belebt das Motiv neu, indem er ein amerikanisches Ehepaar im Transsibirien-Express in einen Drogenkrieg verstrickt

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Osteuropa scheint noch immer eine unwiderstehliche Faszination auf amerikanische Filmemacher auszuüben. Die politische Instabilität, die kulturelle Differenz zum Westen und nationale Mythen konstituieren im Hollywoodkino heute ein unbekanntes »Anderes«, dessen Einfluss bis in den Horrorfilm reicht. Brad Andersons Thriller »Transsiberian« zieht seine Attraktivität aus dieser kulturellen Ambivalenz und bedient sich zugleich eines Sujets, das über die Jahre klammheimlich aus dem Kino verschwunden ist: dem Zug als klassischem Schauplatz des Murder Mystery. Woody Harrelson und Emily Mortimer spielen Roy und Jessie, ein amerikanisches Ehepaar, das sich auf der Rückreise von Peking befindet, wo die beiden an einem karitativen Projekt teilgenommen haben. Um ihre Beziehung aufzupäppeln und weil Roy Züge liebt, haben sie ein unkonventionelles Transportmittel für die knapp achttausend Kilometer zwischen Peking und Moskau gewählt: den legendären Transsibirien-Express, der durch eine der verlassensten Regionen der Welt führt. Die Strecke hat viel von ihrem alten Glanz eingebüßt. In Zeiten der Globalisierung werden Züge nur noch von der verarmten Bevölkerung und Drogenschmugglern als Langstreckenfortbewegungsmittel genutzt.

Anderson entwickelt aus dieser Prämisse, die spezifische amerikanische Urängste schürt (der Amerikaner isoliert in der Fremde), einen schnörkellosen kleinen Thriller, der nicht zuletzt dank seiner ökonomischen Konstruktion fast klassisch anmutet. Die Enge des Raumes kompensiert er durch eine brisante Figurenkonstellation und überraschende Wendungen. Kurz nach der Abfahrt stößt das Travellerpärchen Carlos (Eduardo Noriega) und Abby (Kate Mara) hinzu. Der Spanier macht Jessie Avancen, doch Roy bleibt arglos. Harrelson hat in »Transsiberian« vielleicht den uninteressantesten Part erwischt; Roy ist ein bodenständiger Typ mit unverrückbaren Werten. Ganz im Gegensatz zu seiner Frau Jessie, deren ausschweifende Vergangenheit in Nebensätzen anklingt. Die eisige Steppe Sibiriens liefert die atemberaubende Kulisse für das nun folgende Katz-und Maus-Spiel, das von dem fremden Paar getrieben wird. Undurchsichtig erscheint auch ein russischer Drogenfahnder (Ben Kingsley), der den Mörder eines Mittelsmanns jagt. Nur langsam realisieren Roy und Jessie, dass sie in einen Drogenkrieg geraten sind.

Emily Mortimer bildet das moralische Zentrum von »Transsiberian«, sie trägt den Film fast im Alleingang auf ihren schmalen Schultern. Brad Anderson festigt nach seiner letzten Regiearbeit »Der Maschinist« seinen Ruf als verlässlicher Genrefilmer in Hollywood. »Transsiberian« ist angenehm altmodisch, auch in der Art, wie er seinen Hauptfiguren Raum zur Entfaltung lässt. Der Film hat eigentlich alle Anlagen zum B-Movie. Indem Anderson aber die inneren Konflikte seiner Figuren in den Mittelpunkt stellt, wird aus einem potenziellen Actionthriller ein durchaus überzeugendes Drama.

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