Kritik zu Thelma

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Der Däne Joachim Trier hat sich mit Filmen wie »Oslo, 31. August« und »Louder Than Bombs« als Spezialist fürs leise Erzählen mit explosiver Wirkung etabliert. In seinem neuen Werk geht es um eine außergewöhnliche Coming-of-Age-Geschichte

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Regisseur Joachim Trier steckt mit dem verstörenden Auftakt von »Thelma« gleich das unsichere Terrain ab, auf das er die Zuschauer in den kommenden zwei Stunden schickt: Vater und Tochter sind in einer Winterlandschaft gemeinsam auf der Jagd. Eigentlich nichts Ungewöhnliches, aber sofort wird klar: Hier stimmt etwas nicht. Dann stehen beide mucksmäuschenstill im verschneiten Wald und beobachten ein Reh, der Vater hebt langsam das Gewehr und zielt, erst auf das Reh, dann, ganz ruhig, auf das ihm den Rücken zuwendende Mädchen. Was geht hier vor? Ein Schuss fällt nicht.

Viel steckt drin in der Exposition, wie im Laufe der Handlung dieses filmischen Unikums klar wird. Mit seinem vierten Film »Thelma« präsentiert Joachim Trier eine der ungewöhnlichsten Coming-of-Age-Geschichten, die das Kino in letzter Zeit gesehen hat. Denn er und sein Stamm-Koautor Eskil Vogt erzählen die Geschichte vom Aufbegehren ihrer namensgebenden Heldin als übernatürlichen Thriller mit Elementen des Horror- und Mysteryfilms.

Im Zentrum steht die von Eili Harboe packend gespielte Thelma, die für ein Biologiestudium nach Oslo zieht. Sie ist introvertiert und zunächst die buchstäbliche Unschuld vom Lande; im Nacken die streng-religiösen, überfürsorglichen Eltern, vor sich ein neues Leben mit neuen Freiheiten, von denen Thelma nach einigem Zögern auch kostet. Die erste Zigarette, der erste Alkoholrausch, erste Partyerlebnisse, eben der normale junge Wahnsinn. Aber mit Thelma stimmt etwas nicht: Nach einem an Epilepsie erinnernden Zusammenbruch in der Bibliothek, der in fast schon biblischer Wucht von verrückt spielenden schwarzen Vögeln begleitet wird, häufen sich ihre Anfälle. Besonders als Thelma ihr Interesse an ihrer Freundin Anja (Kaya Wilkins) entdeckt und die beiden sich näherkommen.

Mit Bildern von verstörender Schönheit und dem dichten, stimmungsvollen Score von Komponist Ola Fløttum kehrt Trier das verwirrte Seelenleben seiner paranormalen Protagonistin nach außen. Da gibt es eine beängstigende Szene, in der Thelma im Schwimmbad einen Anfall bekommt und plötzlich die Wasseroberfläche von Fliesen verschlossen zu sein scheint. Oder ein knisterndes sexuelles Intermezzo zwischen den beiden Freundinnen während eines Opernbesuchs, bei dem eine Deckenkonstruktion gefährlich zu wackeln beginnt.

Auch wenn »Thelma« nicht ganz so experimentell daherkommt, erinnert der bedrohliche audiovisuelle Sog ein wenig an Jonathan Glazers Neo-Science-Fiction-Film »Under the Skin«, in dem Scarlett Johansson das männerfressende Alien gab. Fast über die gesamte Laufzeit gelingt es Trier, die Spannung aufrechtzuerhalten und Thelmas Unsicherheit auf den Zuschauer zu übertragen. Selten war ein Baumrascheln so wirkungsvoll wie hier.

Dieser Thriller der besonderen Art strotzt vor inszenatorischer Finesse und ist zugleich eine tiefgründige Allegorie auf das Erwachsenwerden und jenen mal mehr, mal weniger lauten Knall, der bei vielen dazugehört. In Thelmas Fall ist es ein leiser Urknall.

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