Kritik zu The Testament of Ann Lee

© Disney/Searchlight Pictures

Mit monumentalen Bildern und betörenden Musicalelementen erzählt Mona Fastvold von Ann Lee, die 1736 die freikirchliche Shaker-Bewegung gegründet hat, und beweist, dass es noch frische Zugänge zu biografisch grundierten Historienstoffen gibt.

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Auch im sich gefühlt immer gleichströmiger gebärdenden popkulturellen Output unserer Gegenwart gibt es sie noch: die Überraschungen, die einen Staunen machen, mit offenem Mund und wippenden Knien. »The Testament of Ann Lee« ist so ein Fall. Mona Fastvold erzählt von Ann Lee (Amanda Seyfried), die 1736 in Manchester die freikirchliche Shaker-Bewegung gegründet hat. Es ist ein Film über Gemeinschaft und spirituelle Ekstase, aber was für einer! Kein dröges historisches Ausstattungskino, sondern ein auf 70-mm-Analogfilm fotografiertes düsteres Musicaldrama, dem Daniel Blumbergs von traditionellen Shaker-Hymnen inspirierter Soundtrack seine Struktur und seinen ganz und gar eigenen Rhythmus gibt. Während sich Gospel, Choräle und elektronische Sounds in eingängigen Songs fluide die Klinke in die Hand geben, zucken Körper rhythmisch, kreischend und stöhnend (Choreographie Celia Rowlson- Hall) durch kerzenbeschienene Szenerien und verwandeln das Kino selbst in eine rauschhafte, transzendentale Kathedrale.

Triggert unsere vor Krisen zerbröckelnde Gegenwart eine Rückkehr zum Spirituellen? Es drängt sich ein Vergleich mit dem jüngst breit rezipierten und international wahnsinnig erfolgreichen Pop-Album »Lux« der spanischen Sängerin Rosalía auf, das ebenfalls eine christlich-spirituelle Grundierung hat. Wie »The Testament of Ann Lee« ist auch »Lux« ein irrer Ritt. Die Songs der Katalanin verbinden opernhafte Choräle, klassische Streicher und Bläser mit vertrackten Art-Pop-Rhythmen und Bässen und werden auf Latein, Spanisch, Deutsch, Hebräisch, Arabisch und acht weiteren Sprachen gesungen – kompletter, mal ganz reduzierter, mal vor Pathos triefender Größenwahnsinn über weibliche Weltlichkeit und Spiritualität, Liebe und Glauben, Licht und Schatten. »Ego sum nihil / Ego sum lux mundi«, »Ich bin nichts / Ich bin das Licht der Welt«, singt die 33-Jährige. Zwischen dem Nichts und dem Licht der Welt changiert auch »The Testament of Ann Lee« - das, wenn man so will, filmische Pendant zu Rosalías Album. Fastvolds Film wird es wahrscheinlich schwerer haben, so breitenwirksam einzuschlagen, auch wenn es ihm zu wünschen wäre. Sperrigkeit und eine assoziative und formale Offenheit sind im Kinogeschäft bekanntermaßen selten Verkaufsgaranten. Dabei ist »The Testament of Ann Lee« in vielerlei Hinsicht ein Ereignis. Beim Filmfestival in Venedig ist der Film mit seiner formalästhetischen Radikalität regelrecht in den teils verschlafenen, von drögen Männergeschichten und Literaturverfilmungen dominierten Wettbewerb reingegrätscht.

Unterteilt in eine Ouvertüre und drei Kapitel, deren Titel eine Entwicklung vom Mädchen, zur Frau, zur Mutter anteasern, folgt Fastvold Ann Lee. Deren Motor für die Gründung der Shaker, das zeigt der Film eindrücklich, ist ein tiefer weltlicher Schmerz: Alle vier Kinder, die sie mit ihrem sadomasochistisch veranlagten Mann, einem Schmied (Christopher Abbott), bekommt, sterben vor Erreichen des ersten Lebensjahres. Nach einer Vision mit Adam und Eva im Garten Eden gründet sie als eine Art weiblicher Christus die Shaker, eine utopisch-christliche Gemeinschaft, in der Mann und Frau gleichberechtigt sind und harte, perfektionistische Arbeit und das Zölibat die obersten Gebote. Der Name ist wörtlich zu verstehen, denn die Nähe zu Gott suchen die Shaker mittels schüttelnder, repetitiver Tanzbewegungen. Die im Film ausgiebig gezeigten Tanzszenen sind eine bewusst ambivalente Verführung des Publikums, denn in der aus Trauer und Schmerz geborenen spirituellen Gemeinschaft und ihrer messianischen Führerin spiegeln sich, allem utopischen Potenzial zum Trotz, fundamentalistische Tendenzen. Auch wenn Gewaltfreiheit und Gleichberechtigung zelebriert werden, führt die Forderung nach strikter Enthaltsamkeit doch wieder zu Ausgrenzung.

Zusammengehalten wird die Erzählung von einer Voice-over-Nacherzählung der Shaker-Anhängerin Mary Partington (Thomasin McKenzie). Interessant dabei ist, dass die Bilder nicht einfach das Gesagte illustrieren, sondern teils bewusst abstrakt bleiben. Gerade in der ersten Hälfte arbeitet Fastvold stark mit Montage und schneidet kurze biblische Impressionen wie Gemälde oder eine Schlange in den von Musik und Tanz getragenen Bilderfluss.

»The Testament of Ann Lee« ist ein weiteres Pfund des Ehe- und Kreativpaars Mona Fastvold und Brady Corbet. Nachdem sie am Drehbuch für »Der Brutalist« mitgeschrieben hat, war er nun am Drehbuch von »The Testament of Ann Lee« beteiligt. Mit Blumberg ist auch derselbe Komponist an Bord. Für »Der Brutalist« hat er den Oscar für die beste Filmmusik gewonnen, dass er nun nicht einmal nominiert ist, verwundert.

So unterschiedlich beide Filme sein mögen: Sie eint ein Hang zum Überschwang, zum »Think Big«, sie zelebrieren das Analoge und brechen mit dramaturgischen Standardmustern. Und sie arbeiten sich, auf sehr unterschiedliche Weise, an amerikanischen Idealen und Migrationserfahrungen ab. War es in Der Brutalist ein jüdischer Architekt, der im Land der unbegrenzten Möglichkeiten nur scheinbar erwünscht ist und, getrieben von Ehrgeiz, beinahe zerbricht, so erfährt auch Ann Lee Ausgrenzung, nachdem sie mit ihrer Gemeinschaft von Manchester nach New York übersiedelt. Die Überfahrt ist ein choreographischer Exzess. An Deck des Schiffs singt Ann Lee »All is peace before us. All is concert, all is summer, while to heaven we are going«, im Zentrum ihrer Gefolgschaft, während das Wetter und Jahreszeiten wechseln. Wirklichen Frieden wird die Gemeinschaft in den Vereinigten Staaten nicht finden. Man begibt sich auf die Suche nach Land für das Zusammensein, Ann Lee wird von der Kontinentalarmee verhaftet, weil sie darauf besteht, dass ihre Gemeinde während des Kriegs neutral bleibt. Sie wird zwar von einem ihr wohlgesonnenen Gouverneur freigelassen, durch die Gründung weiterer Gemeinden aber immer wieder der Hexerei verdächtigt. Mit dem sich formierenden Mob manifestiert sich aufs Heftigste, wovon der Film durchweg erzählt: Gewalt und Misogynie. Die Flucht ins Spirituelle, mit aller Ambivalenz, ist auch eine Reaktion auf diese Gewalt.

Mit einer sich mit ganzem Körper und ganzer Stimme in die Rolle werfenden Amanda Seyfried beweist »The Testament of Ann Lee«: Es gibt noch frische Zugänge zu biografisch grundierten Historienstoffen. Viel steckt drin in diesem Film, der mitreißt und fühlend macht, anstatt plump zu psychologisieren – wenn man gewillt ist, sich ihm auszusetzen. Er dreht den messianischen Spieß um, indem er eine Frau ins Zentrum stellt, er zeigt spirituelle, inklusive und empathische Freiheit auf dem Boden eines strengen, restriktiven Lebens und dabei ist dem Stoff aller Düsternis zum Trotz auch eine gewisse Ironie eingeschrieben. Denn die gelebte Utopie ohne Erben ist ja von Haus aus zum Sterben verurteilt. Im Abspann des Films ist zu lesen, dass es im Jahr 2025 sage und schreibe noch zwei Shaker gibt.

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