Kritik zu Swiss Army Man

© Capelight Pictures

Ein an der Welt schiffbrüchig Gewordener findet eine Leiche, die sich als vielfältig einsetzbar erweist, unter anderem als Jet-Ski: Der Film der Daniels (Daniel Kwan und Daniel Scheinert) ist dabei weder Fäkalhumorkomödie noch Horrorfilmparodie, sondern steht angenehm undefinierbar dazwischen

Bewertung: 5
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4 (Stimmen: 1)

Nein, die Wasserleiche (Daniel Rad­cliffe), die da eines Tages am Strand jener einsamen Insel angetrieben wird, auf der Hank (Paul Dano), des Alleinseins und der daraus resultierenden Langeweile überdrüssig, soeben versucht, sich aufzuhängen, hat mit dem Militär der Eidgenossen nicht das Geringste zu tun. Kein verstorbener Soldat der Schweizer Armee gibt diesem seltsamen Film von Daniel Scheinert und Daniel Kwan (alias Daniels) den Titel, »Swiss Army Man« bezieht sich vielmehr auf die vielfältigen Eigenschaften und multiplen Funktionsweisen des angeschwemmten Kadavers: ein Schweizer Messer eben (engl. Swiss Army Knife), nur in Menschengestalt.

Zunächst jedoch ist Hank enttäuscht, hatte er, der Robinson, doch auf Gesellschaft, auf einen Freitag, gehofft, als er den Kopf aus der Schlinge zog, um das Treibgut in Augenschein zu nehmen. Und dann stellt sich der ersehnte Gefährte als jenseits des Verfallsdatums und unbrauchbar heraus. Doch halt! Unbrauchbar? »Swiss Army Man« hat noch gar nicht richtig begonnen, da haut einen auch schon der Anblick eines Mannes um, der einen anderen als Jet-Ski nutzt. Hoch auf stiebt die Gischt, als sie übers Meer brettern, denn die Leiche verfügt über einen speziellen Gasantrieb. Anders gesagt: Hank wird vom Schweizer-Messer-Mann aufs Festland gefurzt. Von dort aus geht die Reise weiter durch einen (Märchen-)Wald und/oder immer tiefer in Hanks Wahn hinein, und Manny, wie Hank sein Fundstück inzwischen getauft hat, übernimmt auf diesem Trip die Rolle des Allround-Katalysators.

Es empfiehlt sich hier und in der Folge ein einigermaßen entspanntes Verhältnis zu den Funktionen, Artikulationen und Ausscheidungen des menschlichen Körpers, denn wem bei einem Rülpser schon die Schamesröte ins Gesicht steigt, der sitzt absehbar im falschen Film. Im Übrigen halten sich die Daniels mit Rülpsern auch gar nicht erst auf, sie brechen Tabus, zahlreiche Tabus, aber sie brechen sie beinahe unmerklich, leise und sanft. So leise und so sanft, wie zwischen Hank und Manny eine Bindung entsteht. Die zwischen Freundschaft und Liebe changiert, je nachdem, ob Hank gerade Hank ist oder Sarah spielt, das Mädchen, das er einst in seinem alten Leben aus der Ferne anschwärmte und deren Erinnerungsspuren nun Mannys allmählich erwachende Lebensgeister weiter anregen sollen.

Ja, es ist kompliziert. Die Ausgangsidee mag simpel scheinen, und in der filmischen Durchführung mag es mitunter arg holterdipoltern, die Vielfältigkeit der im Verlauf der Geschichte aufgeworfenen Themen aber und der darin entwickelte emotionale Reichtum beeindrucken und berühren tief. »Swiss Army Man« ist eben keine der handelsüblichen, tiefergelegten, von Fäkalhumor geprägten Komödien. Die künstlerische Heimat dieses Films sind der Surrealismus und das absurde Theater, der schmerzliche Existenzialismus von Samuel Becketts »Warten auf Godot« (1952) oder die Poesie der Grausamkeit in »Mysterien eines Frisiersalons« (1923) von Bert Brecht mit Karl Valentin. In einem gegenwärtigen filmischen Kontext wiederum verbindet der unübersehbare Hang zu Spinnerei, Selbstgebasteltem und Um-die-Ecke-Denken das Werk der Daniels mit jenem von Michel Gondry, Spike Jonze und Charlie Kaufman (wie Gondry und Jonze machten übrigens auch die Daniels zunächst mit Musikvideos von sich Reden).

Den entscheidenden Beitrag zum Gelingen des insgesamt doch eher riskanten Unterfangens aber liefern Paul Dano und Daniel Radcliffe, die als Hank und Manny ein veritables Traumpaar abgeben. Nicht nur zeigt jeder für sich in seiner Rolle sein bekanntlich beträchtliches Können, der Spaß, den die beiden Schauspieler an der gemeinsamen Arbeit haben, ist gleichermaßen offensichtlich. Es herrscht zwischen Dano und Radcliffe auch auf körperlicher Ebene eine schöne Harmonie, eine respektvolle Zärtlichkeit. Und es ist ein Vergnügen, ihnen dabei zuzusehen, wie sie die Porträts zweier verlorener Seelen schaffen – und uns damit ins Herz treffen.

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