Kritik zu Sture Böcke

© Arsenal Filmverleih

Männer, die auf Schafe starren: Grímur Hákonarsons unaufgeregtes Bruderdrama gewann in Cannes den Preis der Reihe »Un Certain Regard«

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3 (Stimmen: 1)

Ein Tal irgendwo im Norden Islands, gesäumt von einer pittoresken Bergkette, die alles Moderne, alles Neuzeitliche abzuhalten scheint. Zwei Männer leben in der kargen Ödnis, in die Jahre gekommene Kauze mit gegerbter Haut, langen Bärten und verfilzten Wollpullovern. Gummi (Sigurður Sigurjónsson) und Kiddi (Theodór Júlíusson) sind Schafzüchter, Nachbarn und Brüder. Sie teilen zwar die Liebe zu den zotteligen Tieren – eine seltene, besonders geschätzte Rasse, mit der sie bei lokalen Wettbewerben stets Spitzenplätze ergattern. Ansonsten aber haben sie einander nichts zu sagen. Und zwar buchstäblich: Seit vierzig Jahren reden sie nicht mehr miteinander, allenfalls kommunizieren sie in kurzen Briefen, die Kiddis Hund zuverlässig überbringt.

Ein uriges, ein rustikales Set-up, das eigentlich nach einer Komödie schreit. Aber Regisseur Grímur Hákonarson stellt von Anfang an klar, dass er seine eigenbrötlerischen Protagonisten weder desavouieren noch ausbeuten will. Er wählt einen ruhigen, getragenen, manchmal auch zähen Rhythmus, um sich Land, Leuten und Lebensgewohnheiten mit großer Ernsthaftigkeit zu widmen. ­Akribisch beschreibt er den schlichten Alltag einer Welt, in der die Zeit stehen geblieben ist, in der Mensch und Tier ein symbiotisches Verhältnis geradezu eingehen müssen. Das Resultat ist ein leises, ungewöhnliches Drama, das weniger von Lakonie als von Natürlichkeit, weniger von Zuspitzung als von unaufgeregter Sachlichkeit geprägt ist.

Der Film übernimmt die Perspektive Gummis, des älteren und zurückhaltenderen Bruders. Als er eines Tages gegenüber einem anderen Züchter den Verdacht äußert, eins von Kiddis Schafen könne an Scrapie leiden, einer ansteckenden, tödlich verlaufenden Hirnkrankheit, wirkt dies zunächst wie der Versuch, dem erfolgreicheren Kiddi eins auszuwischen. Aber Gummi behält recht – was für alle Bauern in der Region einer Katastrophe gleichkommt. Sämtliche Tiere müssen notgeschlachtet werden, und damit verlieren die Einheimischen ihre ideelle und materielle Existenzgrundlage.

So kommt es zum archaischen, streckenweise biblisch anmutenden Bruderzwist. Aber so wenig Hákonarsons Film zu Beginn eine Komödie sein will, so wenig wählt er nun die Mittel der klassischen Konfrontation. Zwar macht Kiddi (zu Unrecht) Gummi für die desaströsen Entwicklungen verantwortlich und feuert gar ein paar Schüsse auf das Haus des Bruders ab. Ein Rachethriller mag sich daraus jedoch nicht entwickeln, vielmehr wird im letzten Drittel die äußere Krise zum Katalysator für eine vorsichtige Annäherung, die schließlich in einer unerwarteten Zweckgemeinschaft mündet. Für ihre Schafe, darin sind sich die beiden »sturen Böcke« einig, schieben sie allen Groll beiseite. Warum sie überhaupt all die Jahre verfeindet waren, liegt in den Tiefen ihrer Geschichte. Der Film fragt auch nur im Nebenbei danach.

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