Kritik zu Streik

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»En guerre« (Im Krieg) heißt der neue Film von Stéphane Brizé im Original, und wie bereits in seinem Film von 2015, »Der Wert des Menschen«, ebenfalls mit Vincent Lindon in der Hauptrolle, geht es um die ­zerstörerischen Seiten der Gesetze des Marktes

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Mit TV-Nachrichtenbildern wirft Brizé den Betrachter zum Beginn von »Streik« gleich mitten ins Geschehen, und diesem Stil bleibt er auch danach nah, mit unruhiger Handkamera, die in Kundgebungen eintaucht, Streikwachen oder Verhandlungen beobachtet, mit nervöser Energie Schlagabtauschen und Krisensitzungen folgt, mittels Teleobjektiv einzelne Gesichter aus der Menge herausgreift. Vor allem ist es immer wieder das Gesicht von Vincent Lindon in seinem vierten Film in der Regie von Brizé – und wie bereits in »Der Wert des Menschen« als einer der wenigen professionellen Schauspieler inmitten eines Ensembles von Laien. In nur 23 Tagen und statt mit festgeschriebenen Dialogen mit ausgiebiger Improvisation gedreht, was dem dokumentarischen Gestus zugutekommt, fächert »Streik« die Geschichte eines immer erbitterter ausgefochtenen Arbeitskampfs auf und erzeugt dabei zumindest phasenweise eine bestürzende Dynamik.

Lindon spielt mit brodelnder, die Wut nur mühsam im Zaun haltender Kraft den Gewerkschafter Laurent Amédéo, der für die Rechte der Belegschaft beim Autozulieferer Perrin im südfranzösischen Agen kämpft. Die Firma soll geschlossen, 1100 Mitarbeiter sollen entlassen werden. Laut Geschäftsleitung und deutschem Mutterkonzern ist der Betrieb »nicht wettbewerbsfähig« – obwohl er Rekordgewinne erwirtschaftet. Die Belegschaft ist empört, nicht zuletzt deshalb, weil mit ihrer Entlassung eine Vereinbarung gebrochen wird. Also streiken die Arbeiter.

Die Geschäftsleitung zeigt sich zunächst unbeweglich, und als die Streikenden den Druck erhöhen, laviert sie herum. Es wird hingehalten, getrickst und gedroht, während die Politik sich zwar symbolisch auf die Seite der Arbeiter stellt, ohne aber mehr als Lippenbekenntnisse zu bieten. Die Gewerkschafter erringen immerhin Teilerfolge, sogar ein Treffen mit dem deutschen Konzernchef kommt nach längerem Kampf zustande. Doch die Gegenseite arbeitet schon längst an der Spaltung der Arbeitnehmer, und eine fatale Eskalation stellt nicht zuletzt die Rolle des Verhandlungsführers Laurent in Frage.

Oberflächlich betrachtet könnte man »Streik« für einen späten Vertreter des Agitprop-Kinos halten. Denn es ist ein kämpferischer Film, der Partei ergreift. Brizé klagt den Wahnsinn eines Systems an, in dem die Gier der Aktionäre über jede Moral triumphiert. Auch wenn die Protestierenden hier keine gelben Westen tragen, muss man doch an die Proteste denken, die Frankreich in den vergangenen Monaten aufgewühlt haben. Aber die Streikenden des Films, der im Übrigen lange vor den »Gelbwesten« gedreht wurde, haben ganz konkrete Ziele. Es geht um ihre Jobs, ihre Zukunft. Sie wissen genau, wofür sie kämpfen und wogegen.

So sehr der Film sich mit ihrem Kampf identifiziert, glorifiziert er ihn doch nicht. Er lässt im Detail – vor allem in den Diskussionen, die diesen Film in dichten Wortkaskaden vorantreiben – Raum für Ambivalenzen und Widersprüche, beleuchtet Fehler und zeigt, wie persönliche Animositäten der gemeinsamen Sache schaden. Und er lässt den Betrachter spüren, wie zäh so ein Arbeitskampf ist – was den Film bisweilen auch anstrengend macht.

Der Gewerkschafter Laurent ist zwar zentraler Akteur und ein tapferer, zäher Kämpfer für Gerechtigkeit, bleibt aber individueller Anker in einer Erzählung, die grundsätzlich vielstimmig ist. Auch Laurent schießt mal übers Ziel hinaus, und vielleicht ist ja die Kritik einiger Mitstreiter nicht ganz verfehlt: Er spiele sich allzu sehr zum Star des Streiks auf . . .

Zwei Aspekte trüben den Fokus von »Streik« leider etwas: zum einen die Unentschiedenheit, mit der er Laurents Privatleben zeigt. Die wenigen kurzen Szenen bleiben so vage, dass man auch ganz auf sie hätte verzichten können. Zum anderen ist es der heftige Schlusspunkt des Films, mit einem Pathos, das die Zwischentöne des Vorangegangen beinahe vergessen lässt. Dennoch: Seine stilistische Dichte und die Konsequenz, mit der er den Finger in eine offene Wunde unserer Zeit legt, machen Stéphane Brizés neues Werk höchst sehenswert.    

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