Kritik zu Stop-Zemlia

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Kateryna Gornostais Langfilmdebüt folgt einer Clique ukrainischer Schulkids um Außenseiterin Masha durch ihr letztes Jahr vor dem Abschluss

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Viele Coming-of-Age-Filme sind gern auch Problemfilme. Schließlich ist diese prägende Zeit des Ungewissen zwischen Nicht-mehr-Kind-, aber Noch-nicht-erwachsen-Sein nicht selten von Umbrüchen, Schmerz und Exzessen geprägt, im Guten wie im Schlechten: älter werden als Nahkampf. 

All das schwelt in Kateryna Gornostais Langfilmdebüt »Stop-Zemlia« mit. Und doch ist es angenehm, dass es der ukrainischen Regisseurin gerade nicht um das laute Dramatisieren geht, sondern vielmehr um leises Beobachten und das Eintauchen in junge Lebenswirklichkeiten.

Eintauchen meint in diesem Sinne, dass die Kamera von Oleksandr Roshchyn uns aus größter Nähe blicken lässt auf ­Masha (Maria Fedorchenko) und ihre beiden besten Freund:innen Yana (Yana Isaienko) und Senia (Arsenii Markov), die ihr letztes Schuljahr in einem namenlosen ukrainischen Ort absolvieren. Die drei sind ein fest zusammengeschweißtes Team. Sie necken und küssen sich, sie trinken und rauchen zusammen, einmal ritzen sie sich und drücken die Wunden aufeinander. 

Wir folgen ihnen durch die mit grauen Plattenbauten gesäumte Straße, auf den Spiel- und Sportplatz, wo Sasha (Oleksandr Ivanov) gleich zu Beginn gegen den Wind Badminton spielt. Kein Wunder, dass ­Masha auf ihn ein Auge geworfen hat. Auch spielt der Film viel in der Schule, deren Turnhalle sich später einmal in eine zum Tanzen einladende Disco verwandelt. Masha ist so etwas wie eine Außenseiterin hier, allerdings eine freiwillige, akzeptierte. Sie schreibt sich via Instagram mit dem unbekannten Gryum 74, von dem sie sich zugleich erhofft, dass es ihr Klassenkamerad Sasha ist.

Gornostais Film ist so etwas wie ein Ergänzungsstück zu Henning Gronkowskis radikalem Debüt »Yung« um eine Clique junger Erwachsener im Selbstfindungs-, Drogen- und Party-Hamsterrad. Beide Filme fangen mit großer Authentizität ein Lebensgefühl ein, beide wurden mit Laien gedreht, die mehr oder weniger Versionen ihrer selbst spielen, und in beiden stehen neben einer mäandernden Geschichte Interviews, in denen die Protagonist:innen persönliche Fragen beantworten. »Wie fühlt sich dein Körper an, wenn du verliebt bist?«, wird Masha vor der Interviewwand gefragt. »Furchtbar. Man schwitzt, als ob man Fieber hätte«, antwortet das Mädchen und ergänzt sogleich, dass das aber auch schön sei und dazugehöre.

Man merkt »Stop-Zemlia« an, dass die 1989 im ukrainischen Luzk geborene Regisseurin vom Dokumentarfilm kommt. Es steckt eine dokumentarische Natürlichkeit in den Bildern, die allerdings durch teils regelrecht leuchtende Einstellungen gebrochen wird. Auch gibt es metaphorische Überhöhungen, etwa wenn die Kamera auf eine Theaterbühne blickt, auf der Sasha Klavier spielt, während Masha allein im Zuschauerraum sitzt.

Gornostais Film wurde in der Sektion Generation 14plus der Berlinale mit dem Gläsernen Bären ausgezeichnet. Der Filmtitel bezieht sich auf ein Spiel, bei dem jemand mit verbundenen Augen die anderen sucht, und bedeutet so viel wie »Halt die Welt an«. Anhalten ist ein unerfüllbarer Wunsch, und Mashas Erkenntnis lautet: »Egal was du tust, du musst dich bewegen«.

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