Kritik zu Still the Water

Trailer OmeU © Verleih

2014
Original-Titel: 
Futatsume no mado
Filmstart in Deutschland: 
30.07.2015
Musik: 
L: 
121 Min
FSK: 
Ohne Angabe

Eine Coming-of-Age-Story auf einer japanischen Insel zwischen Leben und Tod und den ewigen Naturgewalten, die ihren eigenen Gesetzen folgen

Bewertung: 3
Leserbewertung
4
4 (Stimmen: 1)

Die Frage »Wie lange wird es dauern?« will eigentlich wissen, wie lange es dauert, bis die Ziege endlich tot und das Blut aus der Schlächterwunde geflossen ist. Die Szene ist nichts für schwache Gemüter und so mancher wird die Augen lieber zumachen. Aber vielleicht hat die Regie genau das beabsichtigt, das Sich-Zeit-Nehmen, Nach-Innen-Schauen, den Weg des Zen gehen. Aber ob ein so drastisches Bild das richtige Angebot für eine sprituelle Einkehr ist? Naomi Kawase hat bisher in ihrem Heimatort Nara gedreht, sich aber für diesen Film auf die subtropische Insel Amami-Oshima begeben, von der ihre Vorfahren stammen. Dass bei einer solchen Wahl die natürliche Umgebung und der Glaube an die Heilkräfte der Natur eine große Rolle spielen, wissen wir von Kawases früheren Filmen. Dass an einer taifunumtobten Küste andere Kräfte walten als in den ewigen Wäldern, braucht man nicht zu erklären. So wird in einer hellen Mondnacht als erstes ein männlicher Körper mit einem tätowierten Rücken angespült, ein Fremder. Tod und Leben, Werden und Vergehen, das Eingangsthema wird schnell wieder aufgegriffen und lässt nur wenig Raum für die Coming-of-Age-Story von Kaito und Kyoko. Der sechzehnjährige Kaito aus Tokio, der bei seiner geschiedenen Mutter lebt, ein Stadtjunge, der sich vor dem Meer fürchtet, und seine Klassenkameradin Kyoko, eine Wasserratte, die sogar mit der Schuluniform ins Wasser springt – ein Gegensatzpaar. 

Aber Kyokos Mutter, eine Schamanin, liegt im Sterben und verbringt ihre letzten Tage im Kreis ihrer Familie, und erneut schiebt sich das Schicksal, Tod und Abschiednehmen von der geliebten Frau, Mutter und Schwester in den Vordergrund. Neben den rituellen Handlungen verblassen die Begegnungen der beiden Jugendlichen, ihre zaghaften Annäherungen und Konflikte. Wenn sich Kyoko kühn hinter dem Jungen aufs Fahrrad schwingt, wie beide dann zusammen durch die Küstenlandschaft fliegen – das sind wenige Momente, die jugendlichen Überschwang, auch das wachsende Begehren und die Gegensätze sichtbar werden lassen. Sie, reifer, drängender, fordernder, auch sicherer gegenüber dem sich immer wieder entziehenden Kaito, der noch seine ödipalen Konflikte mit seiner Mutter auszufechten hat. 

Dass das Konfliktpotenzial des angehenden jungen Paars im großen Raunen der Natur seine Lösung finden wird und nicht in einer sich zuspitzenden Handlung, ist in der Filmerzählung von vornherein angelegt. Nur die tote Ziege steht merkwürdig verloren im Raum. Zu sehr überwiegen die unentwegt beschworenen Naturkräfte, das Vertrauen in das Meer und die Wellen – es sind die verbalen Beschwörungen der Alten, die das große Finale und die Übergabe an die nächste Generation vorzubereiten scheinen. Die elegant unter Wasser dahingleitenden jungen Körper, das beruhigende tiefgründige Blau – was hier als Harmonie durch Schönheit überzeugen soll, hinterlässt nur den faden Geschmack von belanglosen abgenutzten Werbebildern – Kitsch.

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