Kritik zu Siberia

© Port au Prince

In seinem neuesten Film schickt Abel Ferrara sein von Willem Dafoe verkörpertes Alter Ego auf eine metaphorische Reise durch eigene Erinnerungen, Krisen und Genüsse

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Wie es scheint, ist Abel Ferrara mit der Erforschung der Lebenskrise, die er in seinem letzten Film begonnen hat, noch nicht fertig. »Tommaso« kreiste um einen Regisseur, ein Alter Ego Ferraras, und dessen Mühen, sich ans biedere Familiendasein zu gewöhnen. Gut möglich, dass nun »Siberia« jenes Projekt ist, an dem Tommaso gearbeitet hat; jedenfalls stellt er eine Verschiebung der Tiefenbohrung in das verstörte männliche Innere in Richtung allgemeiner Sinnsuche dar. 

Neuerlich stürzt sich Willem Dafoe, der schon Tommaso furchtlos Gestalt verliehen hat, in den Tumult und gibt als Mann in der Krise sein Bestes. Diesmal heißt die Stellvertreterfigur Ferraras respektive des (Alpha-)Mannes im Allgemeinen Clint und unterhält in einem abgelegenen, tief verschneiten Tal eine Art Taverne. Draußen bellen hungrig die Schlittenhunde, während sich drinnen ein Inuit Schnaps einschenken lässt, und ehe man sich's recht versieht, hebt »Siberia« auch schon ab vom Boden der Tatsachen. Erst ist es nur ein Doppelgänger des einsamen Mannes in der Wildnis, der in den Schatten der dunklen Hütte zu lauern scheint, dann kommt Besuch: eine russisch murmelnde Babuschka mit einer hochschwangeren jungen Frau im Schlepptau – die von Clint sogleich angebetete Marien-Ikone, dargestellt von Ferraras Frau Cristina Chiriac. Dann aber folgt ein Höllensturz, der unseren Helden veranlasst, sich mit dem Hundeschlitten auf die Reise zu machen. Und damit springt »Siberia« entschlossen und ohne Netz endgültig ins Reich der seelenerforschenden Fantasmagorie. Soll heißen: Es geht drunter und drüber. Ab durch die Schneelandschaft, in Höhlen hinein, in der Wüste heraus – die Schlittenhunde immer mit dabei – und mit einem Male sehen Mann und Meute sich in sanft sattgrüner Landschaft. Das Idyll täuscht. Unvermittelt finden in einem Wald Erschießungen statt, denn das Verdrängte kehrt, wie es seine Art ist, wieder mit Macht. Clint begegnet seinem Vater, sich selbst als kleinem Jungen, er hat Sex mit seiner Ex, mit Frauen, die er begehrt(e), er findet heim ins Zuhause seiner Kindheit und zum mittlerweile zerstörten Ausgangspunkt. Denn unbehaust ist der Mensch in der Welt und allein in der Kälte. Und was sich sonst noch so alles dazu denken lässt.

Ob man Ferrara auf diesem chaotischen Weg in ein beunruhigtes Inneres neugierig begleitet oder »Siberia« als selbstverliebten Mumpitz abqualifiziert, hängt von der Bereitwilligkeit ab, sich auf eher experimentelle Erzählmuster einzulassen. Die sich zudem mit einer Unbekümmertheit um Publikumserwartungen paart, die mancher arrogant finden mag, andere hingegen mutig und erfrischend. Dass das zentrale männliche Ego immer wieder um die Themen Sex und Gewalt kreist, gilt es gleichfalls zu verkraften. Aber ehrlich gesagt, tut es das bei Ferrara nicht immer? Und liegt das Faszinierende seiner Werke nicht gerade in der schonungslosen Selbstentblößung ihrer höchst zweifelhaften und oft verzweifelten Helden? Diesen peinlichen, erbärmlichen, durchschnittlichen, uns so ähnlichen Sinnsuchern.

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