Männlicher Seelenstriptease

»Siberia« (IT/DE/MX 2020)
»Siberia« (2020). © Port au Prince

Da wird es auch im Kinosaal kalt! Meterhoher Schnee, der Wind pfeift, die Huskys jaulen. Und die unwirtliche Berglandschaft ist markant und zerfurcht wie das Gesicht von Willem Dafoe. Der ist so etwas wie Abel Ferraras Muse und Alter Ego, ihr letzter gemeinsamer Film, »Tommaso und der Tanz der Geister«, läuft gerade in den Kinos. Auch in Ferraras Wettbewerbsbeitrag spielt er den Mann, um den alles kreist, genauer: in den der Film eintaucht.

»Siberia« ist rauschhafte filmische Psychoanalyse und Seelenstriptease. Erst sind wir auf der einsamen Hütte von Clint (Dafoe). Der steht hinter seiner Theke, schenkt einem Gast den gewünschten Rum ein und spricht mit einem, der zusammengekauert hinter dem Spielautomaten klemmt. Mit dem Auftritt der russischen Babuschka und ihrer schwangeren Tochter bricht sich langsam Bahn, was in kurzen Einschüben zuvor bereits an die Oberfläche zu dringen versuchte. 

Die Beiden wollen etwas trinken, Wodka natürlich. Kurz darauf: Clint streichelt Bauch und Busen der Schwangeren, dann beide Nackt im Bett. Als er im Keller etwas hört, steigt Clint die Treppe seines Hauses hinab und überwindet damit die Pforte seines Inneren. Schließlich rutscht er einen Felsvorsprung hinab. Klare Bilder: Es geht noch tiefer hinab und hinein.

Clint geht auf eine Reise. Er wird blutende und gesunde Frauen in die Arme nehmen, seinen Vater, seinen Sohn, seine Ex-Frau und sein Alter Ego treffen. Letzteres sagt Sätze wie »Du warst kein liebender Sohn. Du warst eine Last für ihn.« Auf die Schneelandschaft, durch die der einsame Wolf mit seinem Schlitten fährt, folgen Wüste und Wald. Eine feurige Sonnenscheibe wird brodeln.

»Siberia« ist der künstlerisch bisher ambitionierteste Film im Hauptwettbewerb: Seelsorge, innere Passionsgeschichte, ein Blick in die Männlichkeit, maximal bedeutungsschwanger aufgeladen. Ein verschwurbelter Brecher von Film voller gewaltiger Bilder, er macht schaudern, ist faszinierend und verstörend zugleich. Bei bisher keiner Pressevorführung im Wettbewerb haben so viele Kolleginnen und Kollegen das Weite gesucht. 

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