Kritik zu Señor Kaplan

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Ein »nationaler Hit« aus Uruguay: Álvaro Brechners Komödie über einen Rentner auf Nazijagd war Uruguays Vorschlag für den Auslands-Oscar 2015

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Als Kind musste der kleine Jakub Kaplan ganz alleine aus dem nazibesetzten Polen nach Übersee fliehen und überlebte als Einziger der Familie. Doch während er sich in Montevideo erfolgreich eine bürgerliche Existenz aufbauen konnte, haben sich die vom Rabbiner bei seiner Bar-Mizwa angekündigten bedeutenden Taten bisher nicht realisiert. Jetzt – der Film spielt um das Jahr 1997 – ist er ein treu verheirateter alter Mann, für den das Leben jenseits der gewöhnlichen Zipperlein ein paar besondere Kränkungen durch Familie und soziales Umfeld bereithält.

Als er nach einem Parkunfall auch noch den Führerschein abgeben muss, ist das Maß an Demütigung voll. Und in Jacobo reift der Entschluss, seinem Gott vor dem Tod noch eine echte Großtat zu präsentieren: Am besten einen alten Nazi aufstöbern und nach Israel bringen, wie es einst Simon Wiesenthal mit Adolf Eichmann tat. Enkelin Lotties Hinweis auf einen betagten Deutschen (Rolf Becker), der am Strand ein gammeliges Cafe betreibt, passt da perfekt. Mit Wilson, einem versoffenen ehemaligen Polizisten, als Begleiter und einem großen Fernglas als Ausrüstung nimmt Jacobo die Fährte auf.

Julius Reich macht sich nicht nur durch das Servieren von Tiefkühlfisch verdächtig. Er hat auch eine Tochter, bei der sich die beiden in schlechtester Tatort-Manier agierenden Privatdetektive (»Darf ich mal ihr Badezimmer benutzen?«) durch extreme Tölpelei schnell ins Aus bringen. Auch sonst – wir sind in einer Komödie – stellen sich die beiden bei ihrer Recherche nicht gerade geschickt an. Doch jede Niederlage macht sie nur noch entschlossener. Schließlich hat Gott sogar aus einer Wolke zu Jacobo gesprochen, wenn auch in etwas wirren Worten. Und Wilson hat nützliche Kontakte ins Tierpflegermilieu und die korrupte Polizei.

Regisseur Álvaro Brechner (Mal día para pescar) hat seinen Film hervorragend besetzt: Herr Kaplan wird von dem chilenischen Theaterguru Héctor Noguera mit störrischer Selbstgerechtigkeit gegeben, während Néstor Guzzini dem jungen Sancho-Pansa-Sidekick eine – durch familiäre Konflikte sentimental unterfütterte – fast prollige street credibility gibt. Der Humor ist eher von der skurril verhaltenen als von der lauten Sorte. Und auch tempomäßig kommt der anspielungsreiche Film mit angezogener Handbremse daher, was dem melancholischen Sujet der Endlife-Crisis atmosphärisch angemessen ist.

Enttäuschend dagegen der kriminalistische Teil des Plots, der nach einer vielversprechenden Eröffnung und einem voraussehbaren, aber liebevoll durchgeführten Mittelteil in einer arg reißbretthaften Auflösung implodiert. Werfen wir uns also lieber gleich ganz in die Gefühle und die ein wenig angehängt wirkende anrührende Schlussszene, wo sich Kaplan nach überstandenen Donquichotterien wieder den banalen Niederungen von Alter und Krankheit stellen muss.

PS: Ist es nun eine sehr sehr hintergründige Anspielung oder reine Ignoranz, wenn in einer Nebennebenrolle ein »preußischer Kaiser« namens Beckenbauer auftaucht?

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