Kritik zu Savages

© Universal Pictures

Nach Wall Street 2 inszeniert Regiezampano Oliver Stone einen Drogenthriller im sonnigen Kalifornien nach einer Vorlage von Don Winslow, in dem er alle Register seiner Überwältigungsästhetik zieht

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Einen sagenhaften THC-Gehalt von 33 % hat das Marihuana, das Ben (Aaron Johnson) und Chon (Taylor Kitsch) anbauen. Ihr Kraut findet reißenden Absatz, und die beiden südkalifornischen Beach Boys haben mit ihren hippen Helfern ihren Laden voll im Griff. In ihrem modernistischen Strandbungalow in Laguna Beach führt das Duo mit beider Geliebter O (Blake Lively), einer langgliedrigen Blondine, das fabelhafteste aller Leben. So schildert es, im Off und aus der Rückblende, O selbst, im naiven Tonfall einer Märchenerzählerin: Es war einmal . . . Die Vertreibung aus dem Paradies beginnt mit einer E-Mail mit einem Video, in dem Männer gefoltert und geköpft werden: ein Gruß des mexikanischen Baja-Kartells, das die Indie-Produzenten ins Geschäft zwingen will. Doch besonders der pazifistische Ben will keinen Stress und überzeugt Chon, die Koffer zu packen. Die Mexikaner, die auf das Fachwissen von Botaniker Ben scharf sind, kriegen die Fluchtpläne mit und entführen O, um die beiden zur Zusammenarbeit zur erpressen. Jetzt müssen die Freunde reagieren, attackieren das Kartell zunächst mit heimlichen Manövern, und zahlen es Drogenchefin Elena dann mit gleicher Münze heim, indem sie die in Kalifornien studierende Tochter der Kartellchefin kidnappen.

Die Vorlage dieses Thrillers, der Krimi »Zeit des Zorns« (»Savages« im Original) von Kultautor Don Winslow, ist schon die halbe Miete. Tatsächlich lässt Regiezampano Stone fast wie einst in Natural Born Killers die Muskeln spielen. Er bläst die clevere und lakonische Story zu einem atemlosen Spektakel auf, in dem man für sein Eintrittsgeld mehr zu sehen bekommt, als man sich wünschen durfte. Der Culture Clash zwischen den kalifornischen Gringos und Love-&-Peace-Erben auf der einen und den Latino-»Bestien« auf der anderen Seite wird mit Gewalt- und Sexszenen operettenhaft ausgemalt. Hie die scharfe Ménage à trois unter einem psychedelischen Sternenhimmel am Pool, dort die im Käfig eingesperrte O, von der ihr Bewacher nicht die Finger lassen kann. Hie die smarten Computerkids, dort die barbarischen Machos.

Dabei macht Stone gerne den Tarantino und inszeniert etwa Salma Hayek mit Kleopatra- Perücke als ambivalente Drogenbaronin Elena, die fast mit der plappernden O Freundschaft schließt. Ihr Handlanger, Benicio del Toro als sadistischer Kotzbrocken mit Schnäuzer, scheint geradewegs aus einem Robert- Rodriguez-Streifen entsprungen. Der aufgekratzte John Travolta gibt einen aasig-korrupten Cop mit familiären Sorgen. It-Girl Blake Lively – O – agiert als unschuldiglaszive Nymphe mit Ibiza-Schick und Loreley- Mähne, die meist bis zum Scheitel zugedröhnt ist. Taylor Kitsch als martialischer Ex-Navy Seal, der die sensationellen Hanfsamen aus dem Afghanistankrieg eingeschmuggelt hat, und Softie Ben (Aaron Johnson aus Kick-Ass), der (kein Witz) einen Großteil der Dope-Millionen in lokalen Solarenergie-Projekten in Afrika investiert, bilden auch in sexueller Hinsicht ein Yin- und Yang-Paar mit O als ihrem Maskottchen: alle haben sich schrecklich lieb.

Sind die Schauwerte schon durch die Starparade hochgepuscht, so zieht Stone mit Hochglanzfotografie, körnigen Schwarz- Weiß-Bildern, Reißschwenks, Gemetzel auf Handykameras, und einem doppelten Ende zusätzlich alle Register seiner Überwältigungsästhetik. Da will der 66-Jährige, auf den die freche Krimigeschichte offensichtlich die Wirkung eines Jungbrunnens hatte, beweisen, dass er mehr visuelles Stilgefühl im kleinen Finger hat als die jüngere Konkurrenz in der ganzen Hand.

Doch Stone wäre nicht er selbst, wenn in dem Kasperletheater nicht Politbotschaften für den moralischen Mehrwert sorgen müssten. Natürlich entwickelt sich etwa Buddhist Ben im Konflikt mit den Mexikanern selbst zur Bestie und setzt Chon den Afghanistankrieg in den Hügeln Kaliforniens fort. Vermutlich kommt die Öko-Attitüde von Globetrotter Ben im Roman etwas ironischer rüber. Auch darf man hinter dem plakativ ausgestellten kalifornischen Lifestyle mit Strand, Sex, Shoppen und Kiffen auch Konsumkritik vermuten. Stone kann halt nicht anders: Zugleich Weltverbesserer und schlimmer Finger, malt der Regiestar das Sündige in der US-Kultur in unwiderstehlichen Farben aus. Doch der manische Bilderrausch scheint von der heimlichen Panik vor Langeweile getrieben. »Fun« ist in Stones schweißtreibendem Thriller, ganz im Adornoschen Sinne, immer auch ein Stahlbad.

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