Kritik zu Sandstern

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Yilmaz Arslan erzählt in seinem vierten Spielfilm von der Selbstbehauptung eines türkischen Jungen in der Bundesrepublik der frühen Achtziger

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Vor fast vierzig Jahren, im Sommer 1980, kommt der 12-jährige Oktay nach Deutschland. Am Flughafen zeigt er der Stewardess ein Bild seiner Eltern, und sie entgegnet harsch, mit einem Hochzeitsbild könne sie doch nichts anfangen. Oktay kennt seine Eltern kaum, er hat bei seiner Tante in der Türkei gelebt – und die ist jetzt selbst pflegebedürftig. 1980, das war die alte Bundesrepublik, es war bunt, aber auch piefig, und nicht überall merkt man gesellschaftliche Veränderungen. Oktay jedenfalls wird vom Direktor der Schule, der ihn in eine untere Klasse abschiebt, mit den Worten angesprochen »Du hier Deutsch lernen«. 

Irgendwie ist Oktay ganz fremd in dieser Republik. Ein italienischstämmiges Mädchen hält ihn für einen Sizilianer, zwei Jungs nennen ihn »Knoblauchfresser«, seine Eltern verstehen sich überhaupt nicht, weil die Mutter von einem amerikanischen Soldaten schwanger ist – und nebenbei mit Koks aus der Türkei dealt. Trost findet Oktay nur bei Anna, einer Heimatvertriebenen aus Ostpreußen, die im gleichen Haus wohnt, und bei der er Deutsch lernt – auch wenn sie ihn im Gegenzug in die Kirche schleppen will. 

Der deutsch-türkische Regisseur Yilmaz Arslan hat sich viel vorgenommen in seinem aktuellen Film. Ein Coming-of-Age-Drama, Selbstfindung, das Gefühl der Fremdheit, ausländerfeindliche Ressentiments, eine ziemlich kaputte Familie, deren Rollenmodell nicht mehr intakt ist – und zu allem Unglück erfährt Oktay auch noch, dass er an Hämophilie leidet, und er findet Anna tot auf. Das ist alles ein bisschen viel für die erste halbe Stunde, und manche der angerissenen Themen, Probleme und Konstellationen hätten einen eigenen Film verdient gehabt. 

Nachdem die Polizei die Drogengeschäfte seiner Mutter entdeckt (»Import/Export«, wie sie sagt) und sie eingebuchtet hat, kommt Oktay vorübergehend in ein Rehabilitationszentrum, und hier wird der Film konzentrierter und dichter. Auch Arslans erster Spielfilm »Langer Gang«, mit dem er in Deutschland zu Beginn der Neunzigerjahre beim Max Ophüls Preis reüssierte, spielte in einem solchen Zentrum. Im Mikrokosmos des Heimes scheint Oktay sich wohler zu fühlen als draußen; er kümmert sich um den behinderten Jungen, mit dem er sein Zimmer teilt. Und mit dem er auch schon mal eine Zigarette raucht. Es entwickelt sich eine Freundschaft zwischen den beiden, ebenso zu einer querschnitttsgelähmten Schwimmerin, die mit sich hadert, weil sie ins seichte Wasser gesprungen ist.

 

Da gelingen Arslan berührende, aber durchaus auch witzige Szenen, etwa, wenn Oktay mit seiner Trommel nachts durch die dunklen Gänge streift. Oder wenn der neue Direktor im Aufzug von den Kindern um einen skurrilen Faschingszoll gebeten wird. Selbst wenn Oktay auch hier Ressentiment entgegenschlägt – es grassiert die Furcht vor Aids –, fühlt er sich aufgehoben. Zu seinem Vater jedenfalls will er nicht zurück. Aber als die beiden seine Mutter im Gefängnis besuchen, sagt er zum ersten Mal »Mama« zu ihr.

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