Kritik zu Nur für Personal

© Concorde

2010
Original-Titel: 
Les femmes du 6ème étage
Filmstart in Deutschland: 
03.11.2011
L: 
104 Min
FSK: 
keine Beschränkung

Diese Komödie war in Frankreich der Sleeper Hit des Frühsommers. Sie profitierte womöglich vor allem von der Mundpropaganda des bürgerlichen Publikums, denn sie handelt von den Freuden der Volkstümlichkeit

Bewertung: 3
Leserbewertung
0
Noch keine Bewertungen vorhanden

Wenn man sich die Fassaden von Pariser Gründerzeithäusern einmal genauer anschaut, fällt auf, dass es Balkone nur in der zweiten und fünften Etage gibt. Auf die Frage, weshalb den Bewohnern ausgerechnet dieser Stockwerke nach den urbanen Umwälzungen der Haussman-Ära ein solches Privileg zuteilwurde, haben mir bislang auch Einheimische keine schlüssige Antwort geben können. Nur eines steht zweifelsfrei fest: Zwischen der fünften und der sechsten Etage lagen Welten, denn ins Dachgeschoss wurden traditionell die Dienstmädchen verbannt.

Philippe Le Guays Film lüftet das Rätsel der Pariser Fassadensprache leider nicht, obwohl auch er von Privilegien handelt. In dem Wohnhaus, in dem sich seine Handlung weitgehend zuträgt, sind die Sphären klar voneinander getrennt. Dafür steht schon die drakonische Concierge, die dafür Sorge trägt, dass der Fahrstuhl den Herrschaften vorbehalten bleibt. Allerdings vollzieht sich im Laufe des Films eine sachte Revolution in dieser Immobilie. Er spielt Anfang der 60er Jahre, als die zuvor aus der Bretagne stammenden Dienstmädchen durch Exilspanierinnen ersetzt wurden. Jean-Louis Joubert (Fabrice Luchini), Anlageberater in dritter Generation, nimmt bald von diesem Wandel Notiz, denn die neue »Bonne« Maria (Natalia Verbeke) ist nicht nur patent (sie kocht sein Frühstücksei genau so hart, wie er es mag) und selbstbewusst (sie fordert eine erkleckliche Gehaltserhöhung), sondern auch sehr hübsch. Seine Ehe mit Suzanne (Sandrine Kiberlain) hat sich längst in Etikette erschöpft. Während Maria sich im Haushalt unentbehrlich macht, entwickelt er eine zunächst stille Leidenschaft für die junge Spanierin. Diese Verliebtheit erfährt rasch eine hübsche, platonische Weiterung, als er ihre temperamentvollen Kolleginnen kennenlernt. Er gerät in den Bann überschwenglicher iberischer Lebensfreude.

Der Regisseur kennt das Milieu aus eigener Anschauung: Sein Vater war Börsenmakler, der Haushalt seiner Familie wurde ebenfalls von einer Spanierin geführt. Nur für Personal bereitet mit seinen höflichen Klischees ein sehr bürgerliches Vergnügen, indem er von einer eingefahrenen bourgeoisen Existenz erzählt, in der sich plötzlich ein neues Lebensgefühl Bahn bricht, das den Helden leichtfüßiger und weltzugewandter werden lässt. Der Blick auf die Ehefrau ist großzügig. Sie ist keine Widersacherin, sondern ebenso gefangen in ihrer gesellschaftlichen Rolle. Sie lässt es geschehen, als Jean-Louis zu seinen neuen Freundinnen ins Dachgeschoss zieht.

Leider schlägt der Film die Chance zu größerer Originalität aus. Wäre es nicht schon romantisch genug zu zeigen, wie jemand sich in eine Gemeinschaft verliebt? Aber der Zauber der fremden Lebensart fokussiert sich letztlich auf die Liebesgeschichte mit Maria. Dabei hätte alles ohne Not eine unkonventionellere Richtung geben können. In einem schönen Monolog schwärmt Jean-Louis von den Freuden der zurückeroberten Junggesellenschaft. Im Elternhaus, dann im Internat und beim Militär und schließlich in der Ehe hatte er nie ein Zimmer für sich allein: »Sie können sich nicht vorstellen, wie frei ich mich fühle!«.

Meinung zum Thema

Ihre Meinung ist gefragt, Schreiben Sie uns