Kritik zu Nader und Simin – Eine Trennung

© Alamode

2011
Original-Titel: 
Jodaeiye Nader az Simin
Filmstart in Deutschland: 
14.07.2011
L: 
123 Min
FSK: 
12

Eine ganz normale Familie – in Teheran: Asghar Farhadis mit dem Goldenen Bären und den gesamten Darstellerpreisen der Berlinale ausgezeichneter Film

Bewertung: 4
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Die große, mit offenen Regalen gemütlich eingerichtete Wohnküche könnte auch gut in Berlin oder Kopenhagen stehen. Zweitwagen gibt es auch. Und die Tücher um Simins hennarotes Haar sind in eleganten Grün- und Grautönen statt in Schwarz gehalten. Wie schon in seinem letzten Film Elly begibt sich der iranische Regisseur Asghar Farhadi auch mit Nader und Simin – Eine Trennung wieder in die liberale Teheraner Mittelschicht: Simin (Leila Hatami) ist Lehrerin, Ehemann Nader (Peyman Moaadi) Bankangestellter, die gemeinsame elfjährige Tochter Termeh (Sarina Farhadi) klug und wohlgeraten.

Dennoch läuft einiges so schief, dass Simin schon bald nach Filmbeginn aus der gemeinsamen Wohnung zu ihrer Mutter zieht, während Tochter Termeh mit dem alzheimerkranken Großvater und dem Vater zurückbleibt. Der engagiert als Pflegerin für den alten Mann eine junge Frau aus einem Armenviertel der Stadt, die ihre kleine Tochter zur Arbeit mitbringt. Der Zuverdienst dient der Aufbesserung der drastisch überschuldeten Familienkasse, allerdings agiert Razieh (Sareh Bayat) ohne Wissen ihres Ehemannes. Schon bald hat die gläubige Muslima auch andere Probleme mit ihrem Arbeitsplatz, denn die Pflege des dementen Alten fordert eine körperliche Nähe, die das fremden Männern gegenüber Schickliche übersteigt.

So kündigt Razieh schon am Abend ihres ersten Arbeitstages gleich ihren Abschied an, als Ersatz will sie ihren Mann schicken. Doch am nächsten Morgen steht sie doch wieder selbst vor der Tür. Die Loyalitätskonflikte zwischen Glauben, Ehemann und materieller Notwendigkeit überfordern die Frau sichtlich. Als sie sich auch noch einer schweren Pflichtverletzung schuldig macht, setzt Nader die sich heftig Sträubende mit Gewalt vor die Tür. Am nächsten Tag erfährt er von seiner Frau, dass Razieh nach einer Fehlgeburt im Krankenhaus liegt und – erst hintenrum, dann offen – daran ihm die Schuld gibt. Ganz plötzlich ist die liberale Mittelstandsfamilie zum integralen Teil der existenziellen Ängste der armen Bevölkerungsmehrheit geworden. Zuerst juristisch, denn Nader wird des Mordes angezeigt. Doch Raziehs Ehemann Hodjat (Shahab Hosseini), ein deklassierter Choleriker voll paranoider Wut auf Establishment und Moderne, nimmt das Recht zur Sicherheit lieber in die eigene Hand.

Auch dies erinnert an Elly, wo das plötzliche Verschwinden eines Kindermädchens die schöne, vermeintlich zwanglose Welt eines Wochenendausflugs ans Meer im Horror der Verdächtigungen kollabieren ließ. Diesmal aber geht der Blick nach innen in die Routinen des Alltags und der Institutionen, deren Klientel in lichtlosen Fluren wartet: Gerichte und Polizeistationen ohne sichtbare Folterkammern, aber mit kafkaesk unübersichtlicher Topographie. Doch auch innerhalb der bürgerlichen Wohnung sind die Blicke öfter verstellt als frei, Bewegungsmöglichkeiten ähnlich beengt wie in den Autos, mit denen Nader und Simin ihre Tochter durch die Stadt kutschieren. 

Gefilmt wurde das von Kameramann Mahmoud Kalari in unterkühlten Blasstönen und – bis auf eine lange starr-frontale Intro mit Aussagen des Paares vor dem Scheidungsrichter – so kurzweilig bewegt, dass es eher an Farhadis Anfänge beim Fernsehen als an das klassische Bild vom iranischen Kino à la Kiarostami erinnert. Die Montage könnte man kubistisch nennen, immer wieder im Lauf der 120 Minuten wird das Geschehen aus neuen Blickwinkeln angepeilt und aufgefächert, ohne sich doch je zu einem vollständigen Ganzen zu fügen – auch weil der Regisseur wichtige Details bis zum Schluss verschweigt. Um Wahrheitsfindung (erst recht -aufdeckung) geht es dem Film nicht, vielmehr um die Bedingtheit unterschiedlicher emotionaler und sozialer Realitäten. Dabei lässt sich – ein halbes Jahr nach der ersten Berlinale-Begeisterung – gerade die etwas gewaltsame Engführung der Konflikte als der von manchen vermisste Verweis auf die autoritären Verhältnisse im Land selbst lesen, wo der Film übrigens – eher eine Rarität bei Festivalfilmen – im Frühjahr auch einen Kinoauftritt hatte. Dass Farhadi sich Zeit zum Proben genommen hat, sieht man den subtilen Leistungen der Darstellerriege an. Mit dabei auch Farhadis eigene Tochter Sarina als Termeh in ihrem ersten Filmauftritt.

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