Kritik zu Nachtzug nach Lissabon

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Europäisches Kino mit Starbesetzung: Die Verfilmung von Pascal Merciers Bestseller mit Jeremy Irons in der Hauptrolle changiert geschickt zwischen Charakterstudie und historischem Politthriller

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Alles beginnt mit einem vertrauten wie stets bedrohlichen Szenario: Eine junge Frau mit leerem und müdem Blick steht auf dem Geländer einer Brücke und schickt sich an, tief hinab in die Fluten zu fallen. Doch der Schauplatz ist nicht die oft zitierte Brooklyn- oder Golden-Gate-Bridge, und unter ihr warten kein verhängnisvoller East River und keine pazifischennBay-Area-Gewässer. Eher sachte denn bedrohlich schwingt sich in der Tiefe der Aare- Fluss durch die beschauliche Stadt Bern. Eigentlich wirkt alles friedlich an diesem frühen Morgen. Der Lehrer Raimund Gregorius (unfassbar erschöpft aussehend: Jeremy Irons) erblickt die junge Frau im roten Mantel zufällig auf seinem Weg zur Arbeit – und rettet sie, entgegen seinen Gewohnheiten, mit Entschlossenheit und beherztem Zupacken.

Ein bescheidener Mann, der sich mit Ende 50 nach Abenteuer und wildem Leben sehnt: Pascal Merciers Roman »Nachtzug nach Lissabon« wurde vor wenigen Jahren zum Weltbestseller, weil er eine Vielzahl von Themen mit enormer Sprachvielfalt und erzählerischem Talent anspricht. Diesen Galopp durch die Genres und Stimmungen greift Regisseur Bille August (Das Geisterhaus, Fräulein Smillas Gespür für Schnee, Goodbye Bafana) dankend auf, denn die Geschichte ist klassischer Filmstoff. Zum einen widmet sich August gezielt der Charakterstudie seines Antihelden: Raimund Gregorius – der Name lässt es bereits vermuten – ist ein Schriftgelehrter alten Stils, ein Eigenbrötler, der sich als Lehrer verdingt und als Literaturfachmann über dem Lesen ganz vergessen hat, wie sich das echte Leben abseits seiner Romanhelden anfühlt. Jeremy Irons füllt diese Figur mit größtmöglicher Fragilität und bohrendem Selbstzweifel aus, ohnehin darf er hier einen gebrochenen Mann spielen, aus dessen Gesicht zunächst jede Vitalität verschwunden scheint.

Raimund Gregorius also findet im Mantel der geretteten Frau ein Zugticket nach Lissabon– und ein Buch des portugiesischen Philosophen Amadeu de Prado, der im faschistischen Portugal der frühen 70er Jahre als Arzt im Widerstand kämpfte. Einer plötzlichen Laune folgend, flieht Gregorius überstürzt aus seiner Alltagsroutine und reist an die Atlantikküste, um sich auf Spurensuche nach einem Revolutionär zu begeben und dabei seinen eigenen, im Tiefsten verborgenen Sehnsüchten zu folgen.

Vor der sonnendurchfluteten und lebensbejahenden Kulisse Lissabons spielt sich daraufhin die Crème de la Crème europäischer Charakterdarsteller die Bälle zu, so dass es für die Zuschauer ein wahrer Genuss ist: Martina Gedeck füllt das Abenteuer als kurzweiliger love interest, Bruno Ganz spielt einen knorrigen Exrevolutionär mit dunkler Vergangenheit, Charlotte Rampling zeigt sich mit gewohnter Kühle und Härte. August Diehl, Mélanie Laurent und Jack Huston (der einäugigeBodyguard aus der Gangster-Serie »Boardwalk Empire«) reüssieren als viriles und lebendiges Trio des portugiesischen Untergrunds zu Zeiten der Salazar-Diktatur.

In historischen und detailgetreuen Rückblenden nimmt der Film Fahrt auf: Das Klima der Angst und die ständige Flucht vor den Schergen in schwarzen Lederjacken montiert Kameramann Filip Zumbrunn als blassen Bilderrausch mit kühlem Blaufilter oder fortwährenden Nachtaufnahmen, während die Momente der Gegenwartsaufnahmen so sehr in Sonne und Licht getränkt sind, dass man die Meeresluft Lissabons förmlich atmen kann. Unbedingt lobenswert sind auch der mittlerweile 90-jährige Christopher Lee, Burghart Klaußner und Lena Olin, die in dieser deutschschweizerisch-portugiesischen Koproduktionkleine, aber gewichtige Nebenrollen besetzen. Ohnehin entwickelt sich Nachtzug nach Lissabon mit fortwährender Spieldauer zum exzellenten europäischen Autorenkino, das trotz spärlichen Budgets (7,7 Millionen Euro) beeindruckende Schauwerte liefert. Viel eindrücklicher ist allerdings das entgegengesetzte Spiel der beiden Hauptfiguren: zum einen Jeremy Irons als erschöpfter, aber abenteuerhungriger Literat, auf der anderen der glutäugige Jack Huston, der sich als portugiesischer Philosoph mit Verve und Verstand in das Leben stürzt. Beide Männer eint die große Sehnsucht nach ein wenig Bedeutung – die Liebe verlieren sie dabei fast aus den Augen.

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