Kritik zu Molière auf dem Fahrrad

© Alamode

Das Wunder der Offenheit: Bereits nach wenigen Wochen hatte der neue Film von Philippe Le Guay in Frankreich mehr als eine Million Kinozuschauer, obwohl in ihm nicht viel mehr passiert, als dass zwei Schauspieler ein Stück von Molière einstudieren

Bewertung: 4
Leserbewertung
3.666665
3.7 (Stimmen: 3)

Natürlich werden Sie schon nach wenigen Minuten begriffen haben, wie gegensätzlich die beiden Helden dieses Films sind. Er gibt sich schließlich alle erdenkliche Mühe, ihr Temperament zu unterscheiden. Aber achten Sie dennoch einmal auf ein Requisit, das er nach vielleicht einer halben Stunde eher beiläufig in Szene setzt. Sie werden entdecken, wie sehr Sie der Sorgfalt trauen dürfen, mit der er seine Figuren zeichnet.

Genaugenommen sind es zwei Requisiten: zwei Buchausgaben von Molières Stück »Der Menschenfeind«. Das eine ist bereits ein wenig vergilbt, fast schon lösen sich die Seiten aus dem Einband, so oft wurde es aufgeschlagen. Das andere ist neu, es weist kaum Spuren des Gebrauchs auf. Das erste zeugt von einer lebenslangen Beschäftigung, das zweite von einer gerade entdeckten Leidenschaft. Das erste Exemplar gehört Serge Tanneur (Fabrice Luchini), der sich eigentlich von der Schauspielerei zurückgezogen hat. Das zweite gehört Gauthier Valence (Lambert Wilson), der als Hauptdarsteller der TV-Serie Dr. Morange ungeheuer populär geworden ist und nun auf die Theaterbühne zurückkehren möchte. Er will den Einsiedler als Partner gewinnen und stößt auf erbitterten Widerstand. Nicht nur hat Serge aus Abscheu dem Geschäft den Rücken zugekehrt. Er gemahnt Gauthier auch daran, wie hoch Molière die Messlatte mit diesem Stück gelegt hat: Selbst der große Louis Jouvet traute sich erst nach 30 Jahren, die Rolle des Alceste in Angriff zu nehmen.

Die Karten liegen auf dem Tisch, aber Regisseur Philippe Le Guay mischt sie regelmäßig neu. Offenkundig entspricht Serge Molières Figur des Alceste: ein Mann, der nach strengen Grundsätzen lebt und ebenso über die Menschheit urteilt. Gauthier hingegen ist geschmeidig wie dessen Freund Philinte im Stück, einer, der die Konventionen der Höflichkeit achtet und sich anzupassen weiß. Zögernd lässt Serge sich auf das Spiel ein. Sein Nein ist eigentlich unwiderruflich, aber nach ein paar Tagen werde man ja sehen. Vorsichtshalber werfen sie vor jeder Textprobe eine Münze, wer welche Rolle übernimmt. In ihren Sitzungen wird ein Duell ausgetragen, das nicht nur ein Wettstreit der Begabungen ist, sondern auch der Lebensprinzipien. Serge geriert sich als Lehrmeister, wogegen sich Gauthier diplomatisch zur Wehr setzt. Wie schön, dass nur die Figuren miteinander rivalisieren, ihre Darsteller aber an einem Strang ziehen! Le Guay hat zwei Schauspieler verpflichtet, die ins Wort verliebt sind und großartig in den Momenten, in denen sie schweigen müssen.

Gauthier möchte sich nach seinem Erfolg in der Seifenoper künstlerisch rehabilitieren. Er hat Serge oft auf der Bühne bewundert. Das schmeichelt nicht nur dessen Eitelkeit. Es bereitet ihm ungeheure Lust, über ihr Metier zu philosophieren und es nun probehalber wieder auszuüben. Die Bewunderung seines Partners zu erwidern, kostet Serge einige Mühe. Er ist ein Meister des vergifteten Kompliments (»Dr. Morange ist nicht Shakespeare.« »Aber gerade in kleinen Werken zeigt sich ein großer Schauspieler!«) Gleichwohl arbeiten sie mit großer Hingabe, komplizenhafter Heftigkeit am Text. Diese Versenkung ist lebhaft, ihre jeweilige Stimmung färbt ihre Interpretation. Die Alexandriner Molières verlieren alles Altmodische, sie werden zum vibrierenden Spiegel der Gegenwart. Obwohl Serge und Gauthier nie engste Freunde waren, steht für beide mehr auf dem Spiel als nur ein Theaterengagement. Insgeheim verlangt es Serge danach, aus seinem Eremitendasein erlöst zu werden. Er genießt es, ein Gegenüber zu haben, dem er sich anvertrauen kann. Das würde er nie zugeben. Aber am Ende jeder Sitzung ist er es, der den Kollegen auffordert, noch zu bleiben.

Le Guay hat sichtlich Freude an ihrer vorbehaltlichen Geselligkeit. Er filmt seine Stars mit stolzer, agiler Diskretion. Der Anblick ihres berauschten Spiels und ihrer gedankenvollen Pausen ist seinem Film Attraktion genug.

Die Kurzweiligkeit von Molière auf dem Fahrrad verdankt sich nicht allein dem Prinzip der Variation, der unablässigen Suche nach Nuancen. Regelmäßig öffnet sich der Handlungsfluss für charismatische Nebenfiguren (einen eifrigen Immobilienmakler, einen wütenden Taxifahrer sowie eine junge Pornodarstellerin, die sich auf Geheiß ihrer Tante Rat bei den erfahrenen Mimen holen soll und wider Erwarten ergriffen wird von Molières Text), die die Zweisamkeit stören, das Paar aber zugleich nach einem Streit oder in einer Sackgasse wieder zusammenschmiedet.

Einen besonderen Elan bringt die Italienerin Francesca (Maya Sansa) in den Film, die gerade geschieden wird und ihr Haus auflöst. Sie ist kein Gegenstück zu Molières koketter Célimène, sondern begegnet den Männern mit freundschaftlicher Skepsis. Nichts bereichert Figuren so sehr wie ein Gegenüber, das ihnen widerspricht. Die vierte Hauptrolle spielt die Île de Ré (jener mondäne Urlaubsort, von dem Romy Schneider in Claude Sautets Die Dinge des Lebens sagt: »Ich will keine Insel, die ausgedient hat«), die Le Guay klugerweise außerhalb der Saison filmt.

Wie in seinem vorangegangenen Film mit dem Regisseur, Nur für Personal!, spielt Luchini einen Mann, der ein ungekanntes (hier: ein verschollenes) Lebensgefühl entdeckt, das ihm erlaubt, sich der Welt wieder zuzuwenden. Aber das einzigartige Funkeln in den Augen dieses Schauspielers ist vieldeutig. Bei aller Zuneigung zu seinen Figuren übertreibt es Le Guay nicht mit der Nachsicht. Beizeiten öffnet er entschlossen den Spalt an Heuchelei, der sich in seinen zwei Helden auftut. Beide sind zum Verrat fähig. Er entlarvt die Generosität des Fernsehstars Gauthier gegenüber seinen Fans. Serges Lust an der Manipulation, am Schauspiel der Demütigung tritt immer deutlicher zu Tage. Oft fühlt man sich an einen anderen Sautet-Film erinnert, an Ein Herz im Winter, wo Daniel Auteuil mit sanftmütiger Grausamkeit eine Freundschaft und eine Liebe vergiftete. Luchini wiederum ist ein Schauspieler, der immer wieder erstaunt zu sein scheint über das Maß an Herablassung und Schäbigkeit, zu denen er seine Charaktere befähigt. Wilson pariert sie mit robuster Verletzbarkeit.

Den Film verlässt man voller Wehmut. Aber sie ist köstlich, denn jeder hat an seinem Ende etwas gewonnen: Serge, Gauthier, Francesca und Molière ohnehin.
 

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