Kritik zu Mission: Impossible – Fallout

© Paramount Pictures

Christopher McQuarrie inszeniert nach »Rogue Nation« seinen zweiten »MIssion: Impossible« und legt darin den von Tom Cruise verkörperten, rastlosen Meister-Agenten als eine Art Odysseus an

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Eine Hochzeit direkt am Wasser. Für Julia und Ethan Hunt wird ein romantischer Traum Wirklichkeit. Doch während der Priester das Ehegelübde rezitiert, verändert sich plötzlich die Stimmung. Statt von ewiger Liebe ist nun von ständiger Täuschung und fortwährendem Betrug die Rede. Die Vergangenheit drängt sich in Gestalt des Terroristen Solomon Lane in die Vision einer glücklichen Zukunft. In der Welt der Agenten und Spione gibt es kein »... und lebten glücklich bis ans Ende ihrer Tage.« Der romantische Traum war tatsächlich nichts anderes als ein Traum, der langsam zerfällt und Ethan Hunt in eine düstere Wirklichkeit entlässt.

Wenig später bringt ein geheimnisvoller Bote ein kleines Päckchen mit einer alten Ausgabe von Homers »Odyssee«. In dem Buch, das natürlich auch nur Tarnung ist, verbergen sich alle wesentlichen Informationen für Hunts nächste »Mission: Impossible«. Wie immer muss der den geopolitischen Stürmen ausgesetzte Agent selbst entscheiden, ob er und sein kleines Team den Auftrag annehmen. Aber diese Frage stellt sich Hunt gar nicht. Jede Mission ist nur eine weitere Welle, die ihn herumschleudert und vielleicht an ein Ziel bringt, das er höchstens in seinen Träumen erahnt.

Anders als die »Bond«-Filme, die ihr Publikum traditionell mit einer großen Action-Sequenz ins Filmgeschehen hineinziehen, beginnt »Mission: Impossible – Fallout« überraschend unspektakulär. Vor der großen globalen Bedrohung, die natürlich nicht lange auf sich warten lässt, steht erst einmal ein Blick in Ethan Hunts Unterbewusstsein. Die Sehnsucht, die sich im Traum von der Hochzeit mit Ilsa Faust offenbart, geht dabei weit über das projizierte und sofort wieder zerstörte Glück zu zweit hinaus. Hunt verzehrt sich nicht nur nach der geliebten Spionin, die ihn verlassen hat. Er will endlich Zuhause ankommen. Die ewigen Irrfahrten rund um eine Welt, die vom Rand einer Katastrophe zur nächsten schlittert, sollen ein Ende haben. Doch – und daran erinnert ihn sein Chef mit dem ausgerechnet in der »Odyssee« verborgenen neuen Auftrag – für Menschen wie ihn gibt es kein Ithaka. Hunt kann nicht zurückkehren. Es geht immer nur weiter, eine Mission folgt der anderen.

Ethan Hunt als moderner Odysseus. Das liegt eigentlich auf der Hand. Schließlich ist der Agent der IMF, der dauernd mit Masken und Verkleidungen, Finten und Trugbildern arbeitet, wie der antike Held ein Listenreicher, einer, der die Menschen manipuliert und so immer ans Ziel kommt. Dennoch eröffnet Regisseur und Drehbuchautor Christopher McQuarrie mit seiner Anspielung auf Homers Epos einen etwas anderen Blick auf den nunmehr seit 22 Jahren von Tom Cruise gespielten Spion. Es ist eben nicht nur das Geschäft mit Lügen und Täuschungen, das Hunt mit dem mythischen Griechen verbindet. Beide sind zudem Gefangene eines rachsüchtigen Schicksals, das sie von ihrer Heimat fernhält. Hunt mag ein ums andere Mal die Welt retten, er selbst bleibt ein Verlorener. Insofern sind es gerade die Odysseus-Parallelen, die diesen Superagenten in ein menschlicheres Licht rücken.

Damit setzt McQuarrie sein mit »Rogue Nation«, dem vorherigen »Mission: Impossible«-Film, begonnenes Projekt fort. Aus einem Franchise, das sich mit seinem dritten und vierten Teil zu einem rein eskapistischen Actionspektakel entwickelt hatte, ist in seinen Händen ein faszinierendes Szenario über eine Welt geworden, die nicht nur ihren moralischen Kompass verloren hat. Die akute Bedrohung geht zwar auch in »Rogue Nation« und »Fallout« von terroristischen Organisationen aus. Aber letztlich sind es die Kämpfe der einzelnen Geheimdienste untereinander, die den Boden für Untergangsszenarien bereiten. So müssen Hunt und seine Leute nach einem gescheiterten Einsatz in Berlin nicht nur versuchen, drei russische Atomsprengköpfe sicherzustellen, die in den Besitz der von Erneuerung durch Zerstörung träumenden »Apostel« gelangt ist. Sie werden zudem noch von August Walker (Henry Cavill) überwacht und möglicherweise manipuliert. Die CIA-Chefin Erica Sloan (Angela Bassett) hat den Agenten auf Hunt angesetzt, weil sie dessen moralische Grundsätze für gefährlich hält. In McQuarries Kino wird nie nur an einer Front gekämpft. Die Linien, die Verbündete zu Gegenspielern und Gegenspieler wie die skrupellose Waffenhändlerin White Widow (Vanessa Kirby) zu temporären Partnern werden lassen, verlaufen keineswegs gerade. Sie sind geschwungen und überkreuzen sich ständig, so dass es nahezu unmöglich ist, die Übersicht zu behalten.

»Fallout« ist aber nicht nur eine konsequente Weiterentwicklung der Ideen, die McQuarrie in »Rogue Nation« entwickelt hat. Er erweist sich zugleich auch als inszenatorischer Gegenentwurf dazu. McQuarrie setzt diesmal nicht mehr in erster Linie auf klassischen Suspense, sondern auf eine Reihe atemberaubender Actionsequenzen, die einer beeindruckenden Eskalationslogik folgen. Er zieht nicht nur das Tempo von Szene zu Szene deutlich an, auch die Umstände der jeweiligen Situation entziehen sich mehr und mehr Hunts Kontrolle. Trotzdem gelingt es McQuarrie selbst im explosiven Finale, etwas über seine Figuren zu erzählen. Jeder Kampf und jede Verfolgungsjagd offenbart eine neue Facette Hunts.

Gleich die erste große Actionszene, in der Tom Cruise und Henry Cavill in einer luxuriösen Herrentoilette gemeinsam gegen einen überraschend ausdauernden Gegner kämpfen, wird zu einer mitreißenden Illustration von Erica Sloans Einschätzung, dass Hunt einem Skalpell und Walker einem Hammer gleicht. Während Cavill auf brachiale Gewalt setzt, arbeitet Cruise mit gezielten Stichen. Doch letztlich scheitern beide. McQuarrie umreißt nicht nur die Persönlichkeiten seiner Figuren, er zeigt auch gleich noch deren Grenzen auf. Schon in diesem Moment ist es die britische Agentin Ilsa Faust, die ihn retten muss. Der Ehe-Traum zu Beginn war kein Versprechen auf ein Zuhause, sondern ein Sirenenruf aus einer anderen Zeit. Die Irrfahrten des modernen Odysseus mögen nie enden. Aber dafür steht ihm nun seine Penelope zur Seite.

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