Kritik zu Mission: Impossible – Rogue Nation

© Paramount Pictures

Auch in der fünften Episode der Serie erlahmt der Elan nicht. Ethan Hunt und sein Team müssen diesmal einer Organisation abtrünniger Agenten das Handwerk legen und begegnen einem schillernden Neuzugang 

Bewertung: 4
Leserbewertung
3.8
3.8 (Stimmen: 5)

»We can be anyone, we can do anything«, sagt Meisterspion Ethan Hunt (Tom Cruise), als die Lage mal wieder ziemlich aussichtslos erscheint für ihn und sein Team. Mit diesen Worten formuliert er das mythische Versprechen des Genres. Denn eigentlich bezieht es seine Faszination gar nicht daraus, dass in ihm eine Bedrohung der Weltordnung abgewendet werden muss, sondern aus der Erfüllung des Traums, in fremde Identitäten zu schlüpfen.

Zumindest die glamouröse Variante des Spionagefilms verheißt seinen Protagonisten gesellschaftliche und geographische Mobilität. Der Geheimagent verfügt über Mittel und Legitimation, sich jederzeit neu zu erfinden. Auch Hunt, der im ersten Teil der Mission: Impossible-Saga noch als Sohn eines Farmers vorgestellt wurde, verschafft sein Beruf Weltläufigkeit. Er ist gewissermaßen ein Optimist des Handwerks, seine geistesgegenwärtige, enthusiastische Professionalität lässt ihn auch die ausweglosesten Situationen meistern. Und falls dies nicht genügt, kann er immer noch auf die hanebüchen lebensechten Latexmasken zurückgreifen, über deren listigen Einsatz Christopher Mc Quarrie, Co-Autor und Regisseur dieser fünften Episode, erfreulicherweise nicht erhaben ist. Allerdings schränkt er die von Hunt beschworene Allmachtsphantasie empfindlich ein, denn das Schicksal ist ein heimliches Schlüsselmotiv von Rogue Nation und die Berechenbarkeit der menschlichen Natur der tückische Angelpunkt seiner Intrige.

Der Titelzusatz »Rogue Nation« ist zur Hälfte irreführend. Es geht nicht darum, einen Schurkenstaat zu bekämpfen, sondern eine Schattenorganisation von rogue, also abtrünnigen Agenten muss unschädlich gemacht werden. Dieses »Syndikat«, dessen Existenz die Geheimdienste bestreiten, will durch Anschläge und den Zugriff auf eine unerschöpfliche Geldquelle die globalen Machtverhältnisse erschüttern. Es ist geradezu rührend, wie der Film den klassischen Brennpunkten des Kalten Krieges (Wien, London, Osteuropa) die Treue hält. Allerdings unternimmt er auch einen spektakulären Abstecher nach Marokko. Die temporeiche Entschlossenheit, mit der sich die Serie eine neue, globalisierte Welt in Besitz nimmt, kann nicht darüber hinwegtäuschen, dass ihr die Sinnkrise noch in den Knochen steckt, in die das Genre mit dem Ende des Kalten Krieges geriet. Mit Ausnahme des von John Woo inszenierten zweiten Teils vollzieht jede Episode des Franchise diesen Nullpunkt dramaturgisch nach. Im ersten Akt wird den Akteuren und dem Publikum jeweils rabiat das Sicherheitsnetz entzogen, weil Mitglieder des Teams oder Vorgesetzte ermordet werden. Während in der alten TV-Serie überraschende Enttarnungen und Niederlagen nur Finten und damit Teil eines raffinierten Plans waren, geht es im Kino-Franchise ums Existenzielle: Unweigerlich muss sich die Impossible Mission Force nach diesen Katastrophen moralisch wie physisch rehabilitieren. Immer wieder betont die Kamera Robert Elswits in den Actionszenen die Vertikale, reißt klaffende Abgründe auf.

Die verfemte, ohne offizielle Deckung des Pentagon agierende Abteilung, steht auch diesmal mit dem Rücken zur Wand. Der neue CIA-Chef Hunley (Alec Baldwin) will sie nach ihren jüngsten, eigensinnigen und verheerenden Operationen endgültig zerschlagen. Das Scheitern als Initialzündung der Handlung: Da liegt es nahe, die Serie als einen ausgreifenden Bildungsroman zu lesen. Sie ist eine fortgesetzte Bewährungsprobe für ihren Protagonisten und den Zusammenhalt seines Teams. Mit der Auflösung der Einheit ist Ethan vogelfrei geworden, kann jedoch auf die Loyalität seiner Mitstreiter aus der vorangegangenen Episode, dem Computerspezialisten Benji (Simon Pegg) und Analysten Brandt (Jeremy Renner) zählen; auch der Hacker Luther (Ving Rhames) ist wieder mit von der Partie. Rogue Nation hat emphatische Freude an dem minuziösen Zusammenspiel dieser Spezialisten. Sie ist umso größer, sobald Ilsa Faust (Rebecca Ferguson) ihren Weg kreuzt. Ihr Name klingt, als habe ihn Ian Fleming an einem schlechten Tag erfunden, aber sie bringt weit mehr als den dekorativen Sexappeal eines Bondgirls ins Spiel. Sie ist die schillerndste Figur des Films, agiert wechselweise als ebenbürtige Gegenspielerin und Komplizin des Teams. Es ist zu hoffen, dass auch der sechste Teil der Saga Verwendung für sie finden wird.

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