Wie macht man gutes Kino?

Divers und fortschrittlich
»Minari« (2020). © Melissa Lukenbaugh / Prokino/ A24

»Minari« (2020). © Melissa Lukenbaugh / Prokino/ A24

Eigenwillige Autorenfilme ­haben die Oscars ­dominiert. Jetzt starten »Minari« und »Nomadland« bei uns. Zwei ungewöhnliche Produktions­geschichten

Unter den diesjährigen Oscarpreisträgern fallen zwei Filme auf, die sich von den gängigen Produktionen der großen Hollywoodstudios deutlich unterscheiden: »Minari« und »Nomadland«. Bei beiden Filmen führte ein amerikanischer Regisseur beziehungsweise eine Regisseurin mit asiatischen Wurzeln Regie. Doch wer steckt hinter der Produktion? 

Als die koreanische Schauspielerin Youn Yuh-jung bei der diesjährigen Oscarverleihung ans Mikrophon trat, um sich für die Auszeichnung zu bedanken, die sie für ihre Rolle in »Minari – Wo wir Wurzeln schlagen« als »Beste Nebendarstellerin« erhalten hatte, konnten Millionen Zuschauer vor den Bildschirmen mitverfolgen, wie perplex sie war, als sie Brad Pitt leibhaftig am seitlichen Rand der Bühne stehen sah. »Oh, Mr. Pitt«, rief sie entzückt, »es ist schön, Sie endlich kennenzulernen. Wo waren Sie denn, als wir den Film in Tulsa drehten?« Als geschäftsführender Produzent des Films und Eigentümer der Produktionsfirma Plan B Entertainment, Inc. hatte Pitt »Minari« (in Kooperation mit dem unabhängigen Verleih A24) finanziert. Zwei Millionen Dollar betrug das minimale Budget. Den spöttischen Unterton, der sich in das bewundernde Staunen der 73-Jährigen mischte, die eine fünf Jahrzehnte umspannende Karriere im koreanischen Film vorweisen kann, dürfte ihr niemand übelgenommen haben. Nicht einmal Brad Pitt, der die humorvolle Preisträgerin galant von der Bühne geleitete. Youn ist die zweite asiatische Schauspielerin (nach Miyoshi Umeki 1958 für ihre Rolle in »Sayonara«), die einen Oscar gewann. Man kann die amüsante Episode zum Anlass nehmen, die Produktionsfirma des Hollywoodstars näher anzuschauen.

»Die Kunst zu gewinnen – Moneyball« (2011). © Sony Pictures

Plan B gilt als eine der wichtigsten Produktionsfirmen, die den amerikanischen Autorenfilm fördern. Brad Pitt, Jennifer Aniston und Brad Grey gründeten die Firma 2001. Nach der Scheidung von Pitt und Aniston wechselte Grey zu Paramount, und Pitt wurde alleiniger Inhaber. Seither hat Plan B an die zweihundert Filme produziert. Einige gewannen den Best-Picture-Oscar: »Departed«, »12 Years a Slave«, »Moonlight«. Weitere wurden nominiert: »Selma«, »The Tree of Life«, »The Big Short«, »Moneyball« und »Vice«. Die Bilanz öffnete viele Türen. Plan  B gelang es, erfolgreiche Partnerschaften mit anderen Firmen einzugehen. Erst im letzten Jahr schloss die Firma einen neuen Exklusivvertrag mit Warner Bros., der auch der globalen Vermarktung der Filme zugutekommen dürfte. Zwei Kopräsidenten hat Pitt berufen. Sie prägen das Profil seiner Firma und leisten den Löwenanteil der Arbeit: die Produzentin Dede Gardner, die bei Paramount Karriere gemacht hatte, bevor sie zu Plan B wechselte, und Jeremy Kleiner, der 2013 hinzukam. 2020 wurde das Trio an der Spitze mit dem David O. Selznick Achievement Award der amerikanischen Produzentengilde für Kinofilme geehrt. Er sehe die Aufgabe des Produzenten darin, als Beschützer der Story zu agieren und als Inte­ressenwahrer desjenigen, der sie erzählt, sagte Pitt anlässlich der Auszeichnung. 

Kreativität steht bei Plan  B im Mittelpunkt. Ebenso die Förderung innovativer Talente. Die Kopräsidenten Gardner und Kleiner beschreiben Pitt als intellektuell neugierigen, passionierten Partner. Er habe eine kreative Atmosphäre geschaffen und lege Wert darauf, dass sie sich Filmprojekte genau anschauen, um die Intention eines Filmregisseurs zu verstehen. Diese Devise habe ihnen zu interessanten Entdeckungen verholfen. Für Pitt sei es nicht das Wichtigste, ob ein Film gleich am ersten Wochenende nach dem Start erfolgreich ist. Diese entspannte Haltung gebe ihnen viel Freiraum, tatsächlich die Filme zu produzieren, die ihnen lohnenswert scheinen.

Dass Lee Isaac Chungs semiautobiografisches Drama »Minari« über eine koreanische Einwandererfamilie, die in den frühen 1980er Jahren auf dem flachen Land in Arkansas Wurzeln schlagen will, von Plan B produziert wurde, verdankt sich Christina Oh. »Minari« ist der zweite Film, den die junge Produzentin in ihrem Leben produziert hat. Wie Regisseur Chung und Hauptdarsteller Steven Yeun (»The Walking Dead«) stammt auch Oh aus einer koreanischen Einwandererfamilie. In den 1980er Jahren kamen ihre Eltern aus Südkorea in die USA. Yeun hatte Oh 2019 das Dreh­buch zu »Minari« gegeben. Chung hat es geschrieben. Als sie das Drehbuch in den Händen hielt, heißt es, spürte Oh sofort dessen besondere Qualität. Der persönliche Bezug zu ihrer eigenen Familiengeschichte sprach sie an. Im Juli 2019 begannen die Dreharbeiten. Sechs Monate später feierte »Minari« am 26. Januar 2020 auf dem Sundance Film Festival Premiere und gewann den Großen Preis der Jury sowie den Zuschauerpreis im Wettbewerb amerikanischer Spielfilme. Ein Jahr später wurde »Minari« als bester fremdsprachiger Film bei den Golden Globes ausgezeichnet. Dass »Minari« in der Kategorie fremdsprachiger Film nominiert wurde, weil mehr als fünfzig Prozent seines Dialogs auf Koreanisch sind, wurde in der Öffentlichkeit kontrovers aufgenommen. Handelt es sich bei »Minari« doch um eine im amerikanischen Gegenwartskino eher unterbelichtete moderne Version des amerikanischen Traums. Im April folgte der Oscar für Youn Yuh-jung als »Beste Nebendarstellerin«. Insgesamt war »Minari« in sechs Kategorien nominiert, darunter auch als »Bester Film«. Bei der Nominierung wurde Christina Oh als einzige Produzentin genannt, was ihre führende Rolle unterstreicht. Oh hatte als Büroassistentin von Gardner einen einwöchigen Job bei Plan B angenommen. Dass sie prompt die Chance bekam, einen kompletten Film zu produzieren, spricht für die Offenheit von Pitts Firma. Für den Regisseur Chung, der drauf und dran war, sich aus der Filmbranche zurückzuziehen, war es ein Glücksfall, dass sein Drehbuch Anklang fand und Pitts Firma die Produktion des Films übernahm. Chung und die junge Produzentin Christina Oh erzielten mit »Minari« einen bemerkenswerten Erfolg. 

Ein Jahr ist es her, dass Mollye ­Asher den Film Independent Spirit Award 2020 für aufstrebende Talente erhielt. Im Frühjahr stand sie in der Union Station in Los Angeles mit einem Oscar auf der Bühne. Neben ihr die anderen Produzent:innen von »Nomadland«: Frances McDormand, Peter Spears, Dan Janvey und Chloé Zhao. »Nomadland« gewann drei Oscars: in den Kategorien »Bester Film«, »Beste Hauptdarstellerin« (Frances McDormand) und »Beste Regie« (Zhao). Chloé Zhao ist erst die zweite Frau in der Geschichte der Oscars, die für »Beste Regie« ausgezeichnet wurde.

Asher wuchs in Miami auf, wo sie eine klassische Gesangsausbildung absolvierte. Weil sie von einer Broadwaykarriere träumte, begann sie in New York, Musiktheater zu studieren. Den Film entdeckte sie, als sie mit Freunden einen Kurzfilm drehte. Daraufhin bewarb sie sich an der berühmten Filmschule der New York University. Asher produziert kühne, manchmal riskante Projekte. Dafür Investoren zu finden, ist ein knochenhartes Geschäft. Doch Asher vertraut auf ihre Beharrlichkeit. Sie ist überzeugt, dass man Netzwerke braucht, um Erfolg zu haben. Sie stammt aus einer Familie mit politischem Kompass. Deshalb produziert sie Filme, die gesellschaftliche Themen aufgreifen. 2020 gründete Asher mit Mynette Louie und Derek Nguyen die Produktionsfirma The Population. Ihr neuester Film, »Catch the Fair One« (Regie: Josef Kubota Wladyka), ein Thriller über eine indigene amerikanische Boxerin, die sich auf die Suche nach ihrer verschwundenen Schwester macht, feierte im Juni beim Tribeca Film Festival in New York Premiere. 

Asher und Regisseurin Chloé Zhao kennen sich seit dem Filmstudium an der New York University. Am Beginn ihrer Freundschaft stand das Faible für die Filme des Hongkong-Regisseurs Wong Kar-wai, das sie teilten. »Nomadland« ist ihre dritte gemeinsame Filmproduktion. 

Die in Peking geborene Zhao dreht eindrucksvolle Filme, die von Menschen am Rande der amerikanischen Gesellschaft erzählen. In ihren ersten beiden Filmen arbeitete sie ausschließlich mit Laiendarstellern. Deren Lebenswirklichkeit fließt in die Figuren ein, die sie spielen. ­Zhaos Filme wirken organisch. Das verdankt sich einem kinematografischen Blick, der unmittelbar an die Realität anknüpft. Ihr Debütfilm »Songs My Brothers Taught Me« (2015) handelt von einem in Armut lebenden Siebzehnjährigen aus dem Pine Ridge Reservat in Süddakota. So wie in ihrem Debüt gehören auch alle Darsteller ihres zweiten Films »The Rider« (2017) dem Stamm der Lakota-Sioux an. Der vielbeachtete Film erzählt die Geschichte eines jungen Cowboys, der ein Rodeo-Star war, bis bei einem Unfall sein Gehirn geschädigt wurde. 

Durch »The Rider« wurde die Schauspielerin Frances McDormand auf Chloé Zhao aufmerksam. Mit Peter Spears (»Call Me By Your Name«), mit dem sie gemeinsam Filme produziert, hatte McDormand die Rechte an Jessica Bruders Sachbuch »Nomaden der Arbeit: Überleben in den USA im 21. Jahrhundert« erworben. Die Schauspielerin produziert Filme, in denen weiblichen Figuren Raum gegeben wird. Rollen, die McDormand selbst spielen kann. Ursprünglich dachten Spears und McDormand an eine klassische Literatur­adaption. Doch mit Zhao betraten sie neue Wege.

Die Vorbereitung auf die Dreharbeiten war eine Art »Bootcamp«, sagt ­McDormand. Zwei Wochen lang lebte die Crew unter den Menschen, von denen der Film erzählt: moderne Nomaden, wie sie selbst sich nennen, die in Lieferwagen leben, stets unterwegs auf den Highways des amerikanischen Westens. Obwohl ihre Lebensbedürfnisse aufs Minimalste beschränkt sind, haben sie sich ihre Selbstbestimmtheit bewahrt. Erstaunt war die 61-jährige Schauspielerin, wie vielen weißen Frauen ihres Alters sie begegnete. 

Auf die Frage, was das Schwierigste bei der Produktion des Films gewesen sei, nennt Produzentin Asher die vielen Drehorte – immerhin in fünf verschiedenen amerikanischen Bundesstaaten. Weil das Produktionsteam selten vorher wissen konnte, welche Personen es zu einem bestimmten Zeitpunkt antreffen würde, konnten die mit Laiendarstellern besetzten Rollen nie im Voraus gecastet werden. Zhao war unentwegt damit beschäftigt, das Drehbuch den Gegebenheiten anzupassen. Vier Monate dauerten die Dreharbeiten, in denen die Crew wieder mitten unter den »Nomaden« lebte. 

»Nomadland« ist das klassische Beispiel eines Independent-Films. Fünf kreative Produzenten, darunter die Hauptdarstellerin und die Regisseurin, fanden zusammen. Gemeinsam brachten sie das Fünf-Millionen-Dollar-Budget zusammen. Zur Erfolgsgeschichte von »Nomadland« gehört auch, dass mit Searchlight Pictures ein starker Verleih ins Boot kam. Searchlight gehört zum Walt Disney Konzern. Die Marvel Studios, die auch zu Disney gehören, haben Zhao als Regisseurin ihres kommenden Superheldenfilms »Eternals« gewonnen. Zhao schrieb auch das Drehbuch. Wir dürfen gespannt sein, wie sich der feinsinnige Blick der »Nomadland«-Regisseurin im kosmischen Universum der Unsterblichen niederschlagen wird, Superhelden, die die Menschheit vor ihren bösen Gegenspielern schützen wollen.

Über die Autorin

Margrit Frölich ist Vorsitzende der Evangelischen Filmjury und Studienleiterin der Evangelischen Akademie Frankfurt

Meinung zum Thema

Ihre Meinung ist gefragt, Schreiben Sie uns