Kritik zu In the Middle of the River

© Farbfilm Verleih

2018
Original-Titel: 
In the Middle of the River
Filmstart in Deutschland: 
16.08.2018
L: 
113 Min
FSK: 
Ohne Angabe

HFF-Absolvent Damian John Harper erzählt in seinem zweiten Spielfilm von einem Irakkriegsveteranen, der in seine Heimat am Rande eines Reservats in New Mexico zurückkehrt. Was wie eine Mischung aus Thriller und Western beginnt, entwickelt sich zu einem Psychogramm der Trump-Ära

Bewertung: 4
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Gabriel will nicht noch mehr Zeit verlieren. Er hat schon zu viel davon vergeudet, vor allem mit Drogen­geschäften, die ihm schließlich keinen anderen Ausweg mehr gelassen haben, als zum Militär zu gehen. Dann kam der Einsatz im Irak, eine schwere Verletzung und die unehrenhafte Entlassung aus der Armee. Wieder hatte er fast alles verloren, was er sich mühsam aufgebaut hatte. Nun ist er zurück in den USA und versucht, noch einmal von vorne anzufangen. Doch der mysteriöse Tod seiner Zwillingsschwester hat alte Wunden aufgerissen. Monate nach ihrer Beerdigung, die Gabriel gemieden hatte, kehrt er in seine Heimat, ein trostloses, am Rande der Navajo Nation Reservation gelegenes Kaff in New Mexico zurück.

Innerhalb von ein paar Tagen will der von Eric Hunter verkörperte Kriegsveteran das Geheimnis um den Tod seiner Schwester ­lüften, die Schuldigen zur Verantwortung ziehen und endgültig mit seiner Vergangenheit abschließen. Also hetzt er von einer Begegnung zur nächsten, von einem Konflikt zum anderen. Aber je näher Gabriel der Wahrheit kommt, desto näher kommt ihm auch seine Vergangenheit. Die Geschichte seiner Familie holt ihn ein und treibt ihn zugleich zu immer extremeren Entscheidungen. Der Zorn, der sich in ihm aufgestaut hat, lässt ihm keine Ruhe. Also findet auch Bogumił Godfrejóws Kamera keine Ruhe. Von Anfang an folgt sie Gabriel geradezu unbarmherzig.

Die ständige Bewegung lässt die Aufnahmen der Handkamera zittern und wackeln. Fast wird einem schwindlig beim Betrachten dieses Neo-Western. Die üblichen Erklärungsmuster greifen eben nicht mehr. Der exzessive Gebrauch der Handkamera und die vielen langen Plansequenzen, die einen regelrecht hinter Gabriel und den anderen Figuren hinterherstolpern lassen, sprengen den Rahmen des Realistischen.

Der in Colorado geborene Filmemacher Damian John Harper, der an der Münchner HFF studiert hat, spielt zwar mit dokumentarischen Elementen und hat zudem eine Vielzahl der Rollen mit Laien besetzt. Doch letztlich ist sein Spielfilm eher das Psychogramm als das Porträt eines Landes. Die fiebrige Intensität der Bilder, diese enervierende Rastlosigkeit ist Ausdruck einer kaum mehr zu bändigenden Wut. Der Zorn über die Verhältnisse hat nicht nur Gabriel fest im Griff. Auch seine ehemalige Geliebte Dana (Nikki Lowe), die von einem Drogendealer und Neonazi vergewaltigt worden ist, und all die von rassistischen Hassparolen aufgehetzten Jugendlichen, mit denen Gabriels Bruder herumzieht, werden von Groll gelenkt. Irgendwann in den letzten zehn, fünfzehn Jahren ist die amerikanische Gesellschaft außer Kontrolle geraten. Und eben diesen Verlust der Hemmungen fangen Harper und sein Kameramann Bogumił Godfrejów in ihren vor Erbitterung bebenden Bildern ein.

Die Welt im und um das Reservat herum ist zugleich Peripherie und Herzstück der USA. Auf der einen Seite sind die Menschen, die sich dort mit kleinen Jobs und illegalen Geschäften durchschlagen, tatsächlich die Vergessenen und Abgehängten. Auf der anderen stehen sie für die Strömungen und Bewegungen, die Donald Trump ins Weiße Haus gebracht haben. Die Freunde von Ga­briels Bruder haben sich die Zahlen »14« und »88« auf den Bauch tätowieren lassen. »14« steht für den 14 Worte umfassenden Glaubenssatz der White Supremacists, und 88 für »Heil Hitler«. Dass sie selbst auch indianische und mexikanische Wurzeln haben, verdrängen die sich gegenseitig aufputschenden Teenager. Die Ideologie der Neonazis vermittelt ihnen eine trügerische Illusion von Stärke und Kontrolle.

Harpers bittere gesellschaftliche Diagnosen fließen in eine Thrillerhandlung ein, die sich nach und nach zu einer modernen Variation auf antike Tragödien entwickelt. Allerdings schreckt er vor dem Äußersten zurück, und so endet »In the Middle of the River« überraschend optimistisch. Das ist zunächst irritierend, aber dennoch konsequent. Veränderung kann aus Hoffnung, aber nicht aus Fatalismus erwachsen.

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