Kritik zu Meine Frau weint
Mit gewohnt eigenwilligem, von klassischer Narration losgelöstem Stil seziert Angela Schanelec die Grenzen der menschlichen Sprache.
Eine Frau und ein Mann gehen an einer stark befahrenen Straße entlang. Der Lärm der Fahrzeuge begleitet ihr Gespräch, drängt sich zwischen die Worte und legt sich über die Sätze. So wird er mehr und mehr zu einer Art Maschinenmusik, die im Lauf der Unterhaltung einen immer düstereren, unheilvolleren Klang annimmt. In den Stunden zuvor ist etwas passiert, das fortan zwischen Carla (Agathe Bonitzer) und ihrem Mann Thomas (Vladimir Vulević) stehen wird.
Nun spricht Carla zum ersten Mal darüber, zuvor hatte sie nur geweint und kein Wort herausgebracht. Sie erinnert Thomas an einen Tanzkurs, den sie gemeinsam besucht haben, und daran, dass er den fortführenden Kurs nicht mehr mit ihr zusammen macht. So hat sie einen neuen Tanzpartner gefunden. Die beiden haben sich instinktiv auf einer tiefen, eher körperlichen Ebene verstanden. Es gab ein Band, das mindestens so innig war wie das zwischen ihr und Thomas. Doch der andere ist gestorben, bei einem Unfall auf der Autobahn, und Carla saß neben ihm. Thomas, der scheinbar ruhig zugehört und gelegentlich mit der Intensität eines Verzweifelten, der nicht weiß, wie ihm gerade geschieht, geantwortet hat, bricht am Ende ihrer Erzählung zusammen. Sein Kopf platzt, sagt er, während weiter Autos an ihnen vorbeirasen.
Gut fünf Minuten währt dieses Gespräch in Angela Schanelecs zehntem Spielfilm »Meine Frau weint«. Fünf Minuten, in denen der Tag in die Nacht übergeht und zwei Menschen nicht nur die Grenzen ihrer Beziehung erkennen müssen. Carla und Thomas wird bei diesem Gang in die Nacht noch etwas anderes bewusst. Sprache kann zwar den Raum zwischen ihnen überwinden, aber ihn nicht füllen. Der Versuch, Gefühle in Worte zu fassen, ihnen so vielleicht auch etwas von ihrer überwältigenden Macht zu nehmen, muss am Ende scheitern. Selbst die komplett entschlackte, sich um größte Genauigkeit bemühende Sprache, derer sich Schanelecs Figuren bedienen, lässt Leerstellen und wirkt letztlich unzureichend. So klingen Carlas Worte für Thomas viel vorwurfsvoller, als sie eigentlich gemeint sind. In ihnen kommt nichts von ihren Gefühlen für ihn zur Sprache. Entsprechend verletzend sind sie für ihn. Dass sein Kopf platzt, ist nicht nur eine Reaktion auf diese Verletzung. In diesem Schmerz offenbart sich auch seine Sprachlosigkeit. Er findet keine Worte und damit auch kein Ventil für die Gefühle, die ihn in diesem Moment zu zerreißen scheinen.
Sprache und Dialoge haben in Angela Schanelecs Filmen fast immer eine zentrale und gewichtige Rolle gespielt. Doch bisher hat sie deren Grenzen noch nie so präzise und zugleich so poetisch ausgelotet wie hier. In »Meine Frau weint« tritt die Auseinandersetzung mit Worten und den Situationen, in denen sie entweder etwas Erlösung bringen oder den Schmerz noch verstärken, an die Stelle einer Handlung. Schanelec reiht Momente und Gespräche aneinander, in denen es immer wieder um Beziehungen und ihr Scheitern geht. Die wichtigen Ereignisse wie der Autounfall, bei dem Carlas Freund stirbt, spielen sich jenseits dieser Szenen ab. Sie werden erzählt, weil nur im Erzählen trotz aller Defizite der Sprache ein Raum für Gemeinsames entstehen kann. Im Moment des Erzählens schwindet die existenzielle Einsamkeit, mit der Carla und Thomas ebenso ringen wie ihre Arbeitskolleginnen und -kollegen, ihre Freundinnen und Freunde.
Die deutlich wahrnehmbaren Akzente von Agathe Bonitzer und Vladimir Vulević verleihen Angela Schanelecs Dialogen eine faszinierende zweite Ebene. Sie haben etwas von einem Verfremdungseffekt und schärfen den Blick auf den Akt des Verfertigens von Gedanken beim Sprechen. Zugleich erfüllen sie diese so klaren und nüchternen Worte, in denen hier alle von sich und ihren Emotionen sprechen, mit einer flirrenden Poesie, die sich mit dem traumhaft schönen Sommerlicht zu reimen scheint, das durch so viele Bilder des Kameramanns Marius Panduru schimmert. Pandurus oft starre Einstellungen, die einen einladen, den Blick schweifen zu lassen, Details zu erkunden und dem Einfall des Lichts nachzuspüren, halten wie die Sprache Einsamkeit und Gemeinschaft in der Waage. Sie verwandeln den Raum zwischen Figuren in etwas Magisches, in einen Spiegel des Lebens, etwas, das sich nicht in Worte fassen lässt.




Ihre Meinung ist gefragt, Schreiben Sie uns