Kritik zu Mary Shelley

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Historische Emanzipation: Haifaa Al Mansour (»Das Mädchen Wadjda«) inszeniert in ihrem ersten englischsprachigen Film die Biografie Mary Shelleys, die sich als Autorin von »Schauerromanen« durchsetzen musste

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Die melancholisch-makabre Stimmung auf dem Friedhof, wo sich die 16-jährige Mary am Grab ihrer Mutter dem Trubel und den Pflichten im Elternhaus entzieht. Die Bücherschätze in der Buchhandlung des Vaters. Zwei Eltern, die ­Autoren sind (der Vater William Goodwin als Philosoph, die Mutter Mary Wollstonecraft als Verfasserin des 1792 erschienenen, frühfeministischen Standardwerks »Die Verteidigung der Rechte der Frau«): Gleich in den ersten Szenen sind alle Komponenten ausgelegt, die ein paar Jahre später zu einem Klassiker der Schauerliteratur führen werden, den Mary Shelley mit gerade mal 18 Jahren verfasst hat: »Frankenstein oder der moderne Prometheus.« Und das ist im Grunde auch schon das Problem in diesem Film, in dem alles ein bisschen zu säuberlich ausgelegt ist.

Mit »Das Mädchen Wadjda« hat Haifaa Al Mansour 2012 Pionierarbeit geleistet: Sie hat als erste Frau aus Saudi-Arabien einen Spielfilm gedreht und darin die Geschichte eines mutigen Mädchens erzählt, das sich in der muslimischen Welt das Recht auf ein Fahrrad erkämpft. Wie in ihrem Debütfilm geht es nun auch in ihrem ersten englischsprachigen Film um eine Befreiung aus Beschränkungen, ein Problem, das der saudi-arabischen Regisseurin ganz offenbar vertraut ist. Denn auch die britische Autorin Mary Shelley kämpfte um Freiheit und Emanzipation in einer frauenfeindlichen Welt, um ein freies Leben und künstlerische Entfaltung, gegen die Dominanz der Männer, in deren Augen Frauen, wenn überhaupt, dann nur Herz-Schmerzgeschichten verfassen sollten und ganz sicher keine gruseligen Traktate über die Schaffung eines Monsters.

Genau 200 Jahre nach der Veröffentlichung von »Frankenstein« passt die Geschichte gut zu den virulenten Gender-Debatten und trifft den Nerv der Zeit. Nur leider fehlt Mary Shelley im historischen England des frühen neunzehnten Jahrhunderts die ansteckende Unmittelbarkeit, die das Mädchen Wadjda in Riad hatte, auch wenn Mary (Elle Fanning), ihre Stiefschwester Claire (Bel Powley) und ihr neuer Freund, der Dichter Percy Bysshe Shelley (Douglas Booth) alles tun, um die Konventionen herauszufordern, mit ihrem Künstlerbohème-Leben in einer wilden Ehe zu dritt.

In atmosphärisch in Nebel und Nacht getauchten Landschaften, erlesenen Interieurs im Kerzenschein, mit opulenten Kostümen und stilechten Accessoires wird eine Ausstattungskunstfertigkeit zelebriert, die jedes wahre Gefühl zu ersticken droht und möglicherweise auch mit der doppelten Fremdheit der Regisseurin in der Zeit und am Ort zu tun hat. Die Inspirationswege vom Galvanisationsexperiment zur Geburt von Frankensteins Monster werden arg plakativ durchexerziert, um dann im Schöpfungs­moment noch mal als Assoziationskette eingehämmert zu werden. So bleibt es weitgehend an Elle Fanning hängen, Marys Ringen hautnah spürbar zu machen, und die historische Emanzipation in die Moderne zu überführen.

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