Kritik zu Kleinstheim

© Blinker Film

2010
Original-Titel: 
Kleinstheim
Filmstart in Deutschland: 
28.04.2011
L: 
87 Min
FSK: 
keine Beschränkung

Das Leben und andere Kleinigkeiten: Eine Dokumentation über sieben Teenager in einem Heim bei Magdeburg

Bewertung: 4
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»Glaubst du, es ist möglich von einer unglücklichen Kindheit wegzukommen?«, fragt einer der Filmemacher Moni, eines der Heimkinder, am Schluss des Films. »Natürlich«, sagt sie. Und lächelt etwas verschmitzt. »Guck' mich an!« Dann führt sie mit großer Ernsthaftigkeit aus: »Ist doch alles toll jetzt. Ich hab' meine Ausbildung, mach' die Schule weiter, bin vernünftig, und dann hab ich auch Moral, was, glaube ich, nicht viele Menschen heute mehr haben. Ich weiß nicht, ich find' mich toll.« Das Schöne daran ist: Man glaubt ihr voll und ganz.

In dieser Szene scheint nicht nur Moni ganz bei sich zu sein, sondern auch der Film. Sie enthält sozusagen als Essenz das, worauf das Regie- und Autorenduo Stefan Kolbe und Chris Wright in ihrer Dokumentation großen Wert legen: Sie wollen ihre Protagonisten nicht zu Helden einer »vorgescripteten« Geschichte machen, wollen nicht, dass sie beispielhaft den Prozess darstellen, wie man eine unglückliche Kindheit überwindet oder eben auch nicht. Kolbe und Wright möchten das Interesse wecken an den Jugendlichen, so wie sie sind. Da ist Sarah mit ihrer schwierigen Vatergeschichte: Sie hat ihn wegen Körperverletzung angezeigt, da war sie erst acht. Trotzdem ist er auch heute noch ihre wichtigste Bezugsperson. Adriano hat ein Drogenproblem, Moni kommt mit ihrer Mutter nicht zurecht. Kevin sucht einen Ausbildungsplatz. Peggy hat ein Verhältnis mit einem viel älteren Mann.

Anders als die üblichen Dokusoaps den Zuschauer glauben machen, sind Menschen in schwierigen Lebenslagen und Verhältnissen selten gekonnte Selbstdarsteller. Es braucht Fingerspitzengefühl und auch Einfallsreichtum, um nicht in die Falle des Soap-Formats zu treten und die Dramen der Protagonisten, ihre Leiden und ihre Impulsivität auszubeuten. Kolbe und Wright achten bei jeder Einstellung darauf, eine gewisse Distanz zu halten zu ihren Protagonisten, den Heimkindern von »Kleinstheim«, einer kinder- und jugendpsychiatrischen Einrichtung bei Magdeburg. Sie filmen sie in den verschiedensten Situationen und Orten, beim Chat, beim Spaziergang, in der Schule, im Amt, mal in Interaktion untereinander, mal als Gesprächspartner vor der Kamera, stets aber glaubt man zu spüren, dass die Jugendlichen über ihr Bild mitbestimmen, es in der Hand behalten, was sie von sich verraten wollen und was nicht. Letzteres gehört zu den Einsichten, die sich aus diesem Film gewinnen lassen: Ein untrügliches Anzeichen von echtem Unglück ist, dass man es nicht zugeben will. Keines der Kinder will Opfer sein. Sobald die Rede auf das kommt, was sie in die Institution gebracht hat, auf die prügelnden Väter, toten oder unzuverlässigen Mütter, kommt Trotz in die Stimmen, werden die Fassaden heruntergelassen. Es ist ihr Selbstschutzreflex und man ist den Filmemachern dankbar dafür, dass sie das respektieren. Echtes Vertrauen setzt andere Situationen voraus als die des Gefilmtwerdens, darüber macht sich in dieser Dokumentation niemand Illusionen. »Ihr wisst längst nicht alles!«, hört man bereits erwähnte Moni an einer Stelle einmal sagen. Und auch der Zuschauer findet das ganz richtig so.

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