Kritik zu The Kindness of Strangers

© Alamode Film

Die dänische Regisseurin Lone Scherfig übergießt drängende Probleme unserer Gesellschaft mit allzu viel Zuckerguss und verliert sich in konstruierten Begegnungen

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Bei der diesjährigen Berlinale hatte die Wahl von Lone Scherfigs schnulzigem Gesellschaftsdrama »The Kindness of Strangers« als Eröffnungsfilm wenn nicht für Entsetzen so doch zumindest für Verwunderung gesorgt. Zwar ist Scherfig durchaus zur Berlinale-Familie zu zählen – 2001 gewann sie mit »Italienisch für Anfänger« den Silbernen Bären – doch lässt die dänische Drehbuchautorin und Regisseurin inzwischen jeglichen erzählerischen und kinematografischen Anspruch vermissen. Zur Erinnerung: In ihren Anfängen wurde sie noch Lars von Triers und Thomas Vinterbergs Dogma-95-Bewegung zugerechnet.

Immerhin, inhaltlich bleibt sie sich auch in ihrem aktuellen Film treu: Die junge Clara (Zoe Kazan) flüchtet mit ihren beiden Söhnen vor dem prügelnden, sadistischen Ehemann ins winterliche Manhattan. Geld hat sie kaum, die Kreditkarte ist bald vom Ehemann gesperrt, der versoffene Schwiegervater ist erwartungsgemäß auch keine Hilfe. Also verbringt sie die meiste Zeit mit ihren Söhnen in der gut geheizten Public Library, klaut im Nobelkaufhaus ein Designer­outfit, um darin gehüllt in Hotels Häppchen vom Büffet ins kleine It-Bag zu schmuggeln. Irgendwann taucht der Ex-Knacki Marc (Tahar Rahim) auf, der für ein Verbrechen einsaß, das er nicht begangen hat und aus unerfindlichen Gründen zum russischen Restaurant des gutmütigen Timothy (Bill Nighy) kommt. Dort isst regelmäßig die alleinstehende Krankenschwester Alice (Andrea Riseborough), die nicht nur ständig Zwölf-Stunden-Schichten schiebt, sondern auch eine Suppenküche betreibt und eine Selbsthilfegruppe leitet. Und da ist noch der junge, nutzlose, aber selbstverständlich liebenswerte Jeff (Caleb Landry Jones), dem Alice zu einer zweiten Chance verhilft.

Scherfig widmet sich also wieder einmal den Einsamen, Vergessenen, Menschen am Rande der Gesellschaft. Nur lässt sie diese völlig unmotiviert in dem wie ein herrschaftlicher venezianischer Palazzo anmutenden Restaurant aufeinandertreffen, legt über jedes von ihr angerissene gesellschaftliche Problem (Obdachlosigkeit, Gewalt in Familien, Einsamkeit) eine wärmende Wohligkeit und sanfte Geigenmusik. Die winterliche Kälte New Yorks, der quälende Hunger, die bedrohlichen Situationen, das alles erscheint in gedämpftem Licht und umgeben von wohlmeinenden Menschen. Emotionen oder auch nur der Hauch von Authentizität kommen bei all den konstruierten Begegnungen und vermeintlichen Zufällen nicht auf.

Keiner ihrer Figuren verleiht sie Tiefe, alle handeln selbstlos, hilfsbereit und freundlich – mit Ausnahme des Ehemanns, der noch dazu Polizist ist und seine Familie natürlich aufspürt, am Ende aber wenig überraschend seine gerechte Strafe bekommt. Hin und wieder lässt Scherfig ihren feinen Witz erkennen, der dann aber schnell von einer lähmenden Süße ertränkt wird und ihr wohlgemeintes Gesellschaftsdrama zu einer harmlosen Schmonzette macht. Auf der Berlinale hat das nicht funktioniert, vielleicht stimmt die vorweihnachtliche Sanftmut das Kinopublikum milder.

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