Kritik zu Je suis Karl

© Pandora Film Verleih

Christian Schwochow und Thomas Wendrich, die schon bei der TV-Trilogie »Mitten in Deutschland: NSU« zusammengearbeitet haben, erkunden erneut das rechte Milieu. Hier kommt es hipper und attraktiver daher – in Gestalt des charismatischen Jannis Niewöhner 

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Es ist der Augenblick, in dem alles noch einmal kippen könnte. Gerade hat Maxi voller Entsetzen und Ergriffenheit zugesehen, wie die Prager Professorin und Musikerin Jitka vor laufender Kamera darüber spricht, wie sie von zwei Männern aus Afghanistan vergewaltigt wurde. Nun erfährt sie, dass die smarte junge Frau niemals überfallen und belästigt wurde. Die Geschichte, die sie so ergreifend erzählt hat, ist erfunden, eine Lüge. Aber natürlich hat Jitka auch dafür eine Erklärung. Es gäbe so viele Frauen in Europa, denen genau das passiert sei, die aber nicht den Mut und die Kraft hätten, öffentlich darüber zu sprechen. Also erhebe sie für all die ihre Stimme, die verstummt und traumatisiert sind.

Das ist nichts als Propaganda, eigentlich leicht zu durchschauen. Doch die von Luna Wedler gespielte Maxi wischt die Zweifel, die für einen Moment in ihren Augen und in ihren Gesichtszügen aufflackern, sofort wieder beiseite. Es ist zu spät für Maxi, die wenige Wochen zuvor ihre Mutter und ihre beiden kleinen Brüder bei einem Bomben­attentat verloren hat. Auf der Suche nach Halt und einem Weg aus ihrer Trauer hat sie sich im Netz der Neuen Rechten verfangen.

Zunächst ist es ein wenig irritierend, dass Maxi erst ganz am Ende von Christian Schwochows »Je suis Karl« erkennt, was doch eigentlich offensichtlich ist. Eine Zeit lang lässt sich ihre Blindheit für die wahren Hintergründe und Absichten des europäischen Jugend- und Studentennetzwerks »Re/Generation« noch mit dem Trauma des Anschlags und mit ihren Gefühlen für Karl (Jannis Niewöhner) erklären. Der charismatische Student, der einer der Köpfe der sich erst einmal harmlos gebenden Bewegung ist, hat sie genau im richtigen Moment kontaktiert. Verfolgt von einer Sensationsreporterin, verlassen von ihrem Vater Alex (Milan Peschel), der in seiner Trauer versinkt, tritt Karl als Freund und Retter auf, der ihrem Leben einen neuen Sinn geben kann.

Aber letztlich ist es weder ihre Verliebtheit noch ihre innere Erschütterung, die Maxi über alles hinweggehen lassen, was sie aus den Reihen der Bewegung hört und was sie selbst zunächst in Prag und später in Frankreich sieht und miterlebt. Es ist viel einfacher und zugleich auch viel komplizierter. Sie will die Wahrheit nicht sehen. Und genau das macht sie zur perfekten Protagonistin eines Films, der sein Publikum dort treffen will, wo es wirklich schmerzt.

Regisseur Christian Schwochow und der Drehbuchautor Thomas Wendrich haben schon bei »Die Täter – Heute ist nicht alle Tage«, dem ersten Teil der Fernsehfilmtrilogie »Mitten in Deutschland: NSU«, zusammengearbeitet. Und das scheint in »Je suis Karl« auch durch. Schwochow und Wendrich wissen genau, wie die Mechanismen der Neuen Rechten und der Identitären Bewegung funktionieren. Der Untergrund, in den einige Neonazis gehen, um Attentate zu verüben, ist nur eine Seite des deutschen wie des europäischen Rechtsradikalismus. Die andere sucht die Bühne der sozialen Medien und weiß genau, wie sie sich inszenieren muss, um ihre Botschaften zu kaschieren und doch zu verbreiten.

Das Studiencamp in Prag, zu dem Maxi von Karl eingeladen wird, hat fast etwas von einem Pop- und Influencerfestival. Die Musik, die Jitka und die anderen machen, klingt fast nach Woodstock  . . . zumindest, solange man nicht zu genau auf die Texte achtet. Die tschechische Musikerin inszeniert sich als eine Art Janis Joplin oder Joan Baez der Neuen Rechten. Und ihre Fans drehen ständig Selfies, die sie im Netz posten, um zu zeigen, dass Kategorien wie links und rechts längst obsolet geworden sind.

Doch hinter den glatten Bildern smarter und gut aussehender junger Menschen verbirgt sich ein aggressiver Nationalismus, der sich mit Rassismus und Antiislamismus paart. Und den demaskiert Schwochow schließlich mit einer Radikalität, die verblüfft. Aus dem präzisen Porträt der Taktiken der Neuen Rechten, mit denen sie sich einen progressiven Anstrich geben wollen, wird schließlich ein wüstes Verschwörungs- und Revolutionsszenario. Das könnte geschehen, wenn wir weiter wie Maxi die Augen vor dem Offensichtlichen verschließen und uns einreden, es werde schon nicht so schlimm werden. Doch, rufen uns Schwochow und Wendrich mit ihren spektakulären Bildern von einem kommenden Aufstand entgegen, es wird so schlimm werden und wahrscheinlich noch viel schlimmer.

Meinung zum Thema

Kommentare

Im Text wird der Begriff "Antiislamismus" verwendet. Ich nehme an, der Autor meint "Islamfeindlichkeit". "Antiislamismus" bezeichnet die Ablehnung des Islamismus (die politische Ideologie), nicht des Islams. Viele der Geflüchteten sind z.B. Muslime und gleichzeitig Antiislamisten.

Habe eben versucht den Film im Kino zu schauen und musste raus. Filmerisch habe ich lange nicht so schlechtes Schauspiel gesehen. Die Längen sind unaushaltbar. Eine Emotion über 15 Minuten mit langsamen wackeligen kamarafahrten. Puh... wir machen Kunst und alle sollen es sehen wie toll wir Kunst machen. Sorry, super langweilig mehrere Minuten eine Wand anzuschauen. Und dann nochmal in einer anderen Einstellung, und dann nochmal in einer anderen Einstellung. Puh... Länge! Alles soll krampfig real sein, aber es wird zu flach und plakativ gespielt. Die gutmenschen helfen am Anfang jemandem zur Flucht nach deutschland. Das ist natürlich cool. Aber dann verschwindet er einfach in der Geschichte. Das ist überhaupt nicht cool. Was passiert denn mit den Menschen, die flüchten? Es wird wie ein urlaubsabenteuer der Familie gezeigt. Aber das Thema Abschiebung und Flucht ist kein witziges Abenteuer, sondern Bitterstoffe Realität. Ich bin überzeugter antifaschist, aber dieser Film ist einfach nur super flach, spielt auch selbst eher oberflächlich, dafür aber gefährlich mit Stereotypen. Maxi wird sexuell beispielsweise von jungen arabern belästigt, die Darstellung als "normal" so stehen gelassen. Das ist fatal, weil es das Bild Araber = sexist salonfähig machen kann. Sie hätte von allen möglichen ätzenden Typen angemacht werden können, aber sie soll für die Filmgeschichte ja auch langsam selbst zur faschistin werden, also braucht es diese kurzen flachen Bilder und die passen einfach nicht. Es fällt mir selbst einfach schwer diese Naivität anzunehmen. Vielleicht mag der Film für 15 jährige okay sein, aber mehr als 30 Minuten waren echt filmerisch zu langweilig und auch echt philosophisch nervig. Antifaschistische Grüße!

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