Kritik zu Jane Eyre

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Zu den eigenwilligen, auf irritierende Weise entschlossenen Frauen vergangener Zeiten gehört Charlotte Brontës »Jane Eyre«. Seit den vierziger Jahren wurde ihre Lebensgeschichte sagenhafte siebenundzwanzig Mal für Kino und Fernsehen adaptiert, zuletzt allerdings Mitte der 90er Jahre

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Wenn man Cary Fukunaga, den amerikanischen Regisseur der aktuellen Version fragt, woran es seiner Meinung nach liegt, dass Jane Austen so viel populärer ist, dann antwortet er: »Sie bietet rosigere Geschichten. Mit ihren Happy Ends haben Austens Geschichten eine gewisse Ähnlichkeit mit Seifenopern. Im Vergleich damit sind die Geschichten von Emily und Charlotte Brontë sehr viel düsterer, tragischer, schwerer verdaulich.« Besonders zu schätzen weiß der Regisseur gerade in Zeiten von Facebook und Twitter die Qualität der Sprache: »Ich habe sechs Monate im Schnitt verbracht und wurde nie müde, diesen Menschen beim Reden zuzuhören. Was für ein wunderbares Gegenmittel für den Verfall der Sprache in unseren Zeiten, in denen niemand mehr vollständige Sätze formt!« Ohne große Mühe eröffnete sich ihm ein moderner Kern, eine Verbindung zu unserer Gegenwart in Brontës Roman: »Wenn es etwas Gegenwärtiges gibt in dieser Geschichte, dann ist es das Selbstwertgefühl, das »Jane Eyre« hat, und das ist zeitlos. Jeder kennt dieses Gefühl, zu lange in einer Beziehung geblieben zu sein und damit die eigene Integrität aufs Spiel zu setzen. Die Art, wie Jane sich für ihre Ideale opfert, obwohl sie leidet, das ist eine bewunderungswürdige Eigenschaft.«

Im Laufe der Jahre haben die Verfilmungen dieser romantischen Frauenromane einen großen Wandel erlebt. Die strengen Formen der Historie wurden zunehmend aufgeweicht, die Kostüme und Interieurs abgestaubt, gelockert und in Schwingung versetzt, die weichen Täler und Hügel sind rauer geworden, die saftig grünen Wiesen düsterer, schattiger. Die Kamera wurde impulsiver, unmittelbarer verbunden mit den wilden Herzen der Heldinnen, die sich so entschieden gegen die Grenzen ihrer Zeit auflehnten, die sich gegen die auf gesellschaftliche Stellung und finanzielle Sicherheit ausgerichteten Ehearrangements sperrten. Lieber wären sie ledig geblieben, als sich auf faule Kompromisse einzulassen, so wie Jane Austen und ihre Schwester Cassandra, die selbst niemals heirateten und in ihren Büchern auslebten, was ihnen das Leben verweigerte. Es ist kein Zufall, dass sich diese in jeder Beziehung jüngeren Verfilmungen so konsequent von ihren Vorlagen lösen, dass sie sich nicht inhaltlich und sprachlich, aber doch rein äußerlich vom geschriebenen und gedruckten Wort in Briefen und Büchern befreien, und dadurch viel direkter in die Wahrnehmung der jungen Frauen versenken.

Immer seltener werden da Buchseiten umgeblättert, Briefe verlesen und innere Monologe aus dem Off zugespielt; nur Jane Campion macht eine Ausnahme, wenn sie in »Bright Star« die erotischen Funken der platonischen Liebe zwischen der Näherin Fanny und dem Dichter Keats an seinen erlesenen Liebespoemen entzündet.

Statt ihre Helden inbrünstig rezitieren und deklamieren zu lassen, fühlen sich die Filme ganz direkt in sie ein, mit allen Mitteln der Illusion, mit einer beweglichen, vibrierenden, seismographischen Kamera, mit der Landschaft als romantischem Spiegel der Seele, mit freieren und ungezwungeneren Kostümen, Frisuren und Make-ups. So stürmt die Kamera in »Persuasion« immer wieder auf Sally Hawkins' Anne Elliot zu, sie lässt sich in »Stolz und Vorurteil« von Keira Knightleys Schwung mitreißen, und sie nimmt den Aufruhr von Jane Eyres Gefühlen in ihre unsteten Bewegungen auf. Dazu gehört auch eine für das Genre ungewohnt konkrete Sexszene in Rozemas »Mansfield Park«.

1943 waren Joan Fontaine und Orson Welles in Robert Stevensons »Jane Eyre« (Die Waise von Lowood) noch Spielfiguren in einem düsteren Schattenlabyrinth. In Robert Z. Leonards »Stolz und Vorurteil« von 1940 mogelten die Filmemacher. Um den unvorteilhaften Empire-Kleidchen, mit der unter dem Busen geschnürten Taille und den von dort unförmig abfallenden Stoffbahnen zu entkommen, verlegten sie die Handlung aus dem Jahr 1813 kurzerhand auf 1835, weshalb Greer Garson im Rüschenglamour von »Gone with the Wind« auftritt. Heute helfen sich die Regisseure, indem sie die Stoffe weicher und durchsichtiger machen. Überhaupt werden unter der Regie von Joe Wright unter den strengen sozialen Ritualen von »Stolz und Vorurteil« Menschen aus Fleisch und Blut sichtbar, mit Gefühlen und Leidenschaften, die auch zynische Zuschauer erweichen, zum Beispiel, als Donald Sutherland die Tränen in den Augen stehen, wenn er seine Lieblingstochter freigibt.

Vorbei sind die Zeiten ausufernder Kamerafahrten, abgezirkelter Choreographien, symphonischer Ausschweifung. Stattdessen zielt die neue Generation der Filmemacher ins Herz der Heldinnen. Bereitwillig lassen sie sich mitreißen vom Karussell der Gefühle, als würden sie mit modernem Blick durch das Fenster in die Historie schauen, als wollten sie heutige Sehgewohnheiten auf die Vergangenheit anwenden – ähnlich, wie sich Alejandro Amenábar der griechischen »Agora« und Robert Redford in »Die Lincoln-Verschwörung« dem Präsidentenmord mit der Nachrichtennervosität eines CNN-Teams näherten. Das heißt allerdings nicht, dass Cary Fukunaga es mit der Werktreue nicht ernst nimmt, im Gegenteil. Nicht nur den Rhythmus von Brontës Sprache hat er inhaliert, sondern auch die Sitten und Gewohnheiten des Alltags, die Speisenfolgen und Tischmanieren, wer, wo, was isst, trägt, sagt; er hat das Pfarrhaus besucht, in dem Charlotte Brontë aufgewachsen ist, und sich mit dem Stand der Brontë-Forschung auseinandergesetzt, und wenn man zu ergründen versucht, was seine »Jane Eyre« dennoch so aufregend und frisch macht, dann antwortet er: »Wahrscheinlich liegt es am Schauspiel, dass sie sich gegenwärtiger anfühlt. Die »Jane Eyre«, mit der ich aufgewachsen bin, ist die mit Orson Welles und Joan Fontaine. Das ist ein Kinostil, den ich liebe, doch heute würde diese Art des überspannten Spiels lächerlich aussehen. Heute geht es um das, was man in den Gesichtern lesen kann, da geht es um Minimalismus und Wahrhaftigkeit und nicht um die große Geste. Das hat mit der Besetzung zu tun, Michael Fassbender und Mia Wasikowska sind außergewöhnlich subtile, intelligente und vielschichtige Darsteller, auf ihren Gesichtern passieren immer drei Dinge zugleich, wenn man Glück hat, sogar vier oder fünf. . . «

Die Kraft der Schauspieler unterstützt Fukunaga auf subtil gekonnte Weise mit den Möglichkeiten des Kinos. So gibt es wie schon in seinem Debütfilm »Sin Nombre« auch hier ein paar grandiose Landschaftspanoramen, deren atemberaubende Schönheit in harschem Kontrast zu den Härten steht, die sie den darin lebenden Menschen auferlegen. Während der größte Teil des Films halbnah auf Augenhöhe gefilmt ist, setzen die ökonomisch eingesetzten Totalen starke Akzente: »Ich bin froh, dass diese Totalen nachhallen, denn es ist wichtig zu begreifen, wie die Umgebung die Menschen beeinflusst. Aus der Ferne gesehen ist diese Landschaft schön, aber wenn man sich mittendrin befindet, ist sie wild, schonungslos, brutal. Denken Sie nur an die Pflanzen, die im Moor wachsen, Farn- und Hei­dekraut, das ist unverwüstlich, wie Heckenunkraut. Im Winter ist es von Schnee bedeckt, im Frühling und Herbst vom Wind zerzaust, aber im August ist es voller lila Blüten, wie ein unglaublich schöner Blumenteppich über diesem riesigen Moorgelände. Für mich ist das eine schöne Metapher für Jane: Egal, was in ihrem Leben passiert, welchem Druck sie ausgesetzt ist, sie wächst und erblüht trotzdem. All diese schrecklichen Erfahrungen haben sie geprägt, aber sie haben diese zähe, widerstandsfähige und absolut integre junge Frau nicht gebrochen.« So rau wie die Landschaft ist auch der Soundtrack, bei dem Dario Agnelli im Kontrast zu seinem »Stolz und Vorurteil«-Score angehalten wurde, die sonst üblichen weichen, gefälligen Vibratos der Saiteninstrumente wegzulassen.

Während die Geschichten von Jane Austen am Ende immer in die unvermeidliche Hochzeit münden, nistet in den Büchern der Brontë-Schwestern ein düsterer Kern, eine gehörige Portion gothic horror, ein Wahnsinn, der in den Gemäuern des Herrenhauses Wuthering Heights ebenso nachhallt wie in Thornhill aus »Jane Eyre«. Man darf gespannt sein, was Andrea Arnold in ihrer Version von Emily Brontës einzigem Roman daraus machen wird, die nach den ersten Bildern zu urteilen ähnlich zerzaust und unmittelbar ist wie Jane Eyre. Und wem das noch nicht genügt, der kann getrost auf die vorläufig für 2013 angekündigte Verfilmung von Seth Grahame-Smiths Austen-Amalgam »Stolz und Vorurteil & Zombies« warten.

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