Kritik zu James Bond 007 – Casino Royale

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Von Ian Flemings erstem Bond-Roman gab es bisher nur eine "wilde" Verfilmung, eine Persiflage mit David Niven als "Sir" James Bond und Orson Welles als Superschurke Le Chiffre. Jetzt hat sich das Haus Broccoli offiziell des Stoffes angenommen – und lässt seinen neuen Bond Daniel Craig damit ganz gut aussehen

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Er beginnt schroff und knallhart, der neue Bond. Der grimmige Prolog, in Schwarz-Weiß, spielt in Prag. Ein düster wirkender Bond macht darin klar, warum er die Lizenz zum Töten erhalten hat. Es folgen, Schlag auf Schlag, Sequenzen aus Krisengebieten in Afrika. Auf Madagaskar verfolgt Bond einen afrikanischen Terroristen, und diese Verfolgung ist als große, elegante Actionpassage am Hafen gestaltet – ein atemberaubender Tanz durch den Raum, sicherlich inspiriert vom Actionstil des asiatischen Kinos. Bei dieser Verfolgung, die das Physische der Kontrahenten besonders betont, wird deutlich, dass hier zwei Körper-Maschinen miteinander ringen. Er sei gar kein Überzeugungstäter gewesen, heißt es später über den Terroristen und Bombenleger, sondern nur ein eiskalter Profi. Wie sieht es mit Bond aus? Ist er auch nur eine Waffe auf zwei Beinen, dirigiert von der großen britischen Mama des Geheimdienstes namens "M", wieder brillant gespielt von Judi Dench?

Martin Campbells »Casino Royale«, die neue Verfilmung des ersten Bond-Romans von Ian Fleming, ist in mancher Hinsicht ein Neustart, vor allem natürlich wegen der Wiedergeburt des James Bond in Gestalt von Daniel Craig. Craig gibt den Bond weder als Playboy noch als smarten Gentleman wie seine Vorgänger. Er spielt ihn mit starker körperlicher Präsenz, viele Facetten britischer Männlichkeit andeutend. Ein wenig Oliver Twist, ein wenig T.E. Lawrence, ein bisschen schmutziger Macho, ein bisschen durchtriebener britischer lad: all diese Wurzeln blitzen in seiner Bond-Interpretation auf. Aber eigentlich wird er erst im Laufe des Films richtig geformt. Er beginnt beinahe als ferngesteuerter Roboter mit stahlhartem Blick, als eine Art Waisenknabe in jeglicher Hinsicht, der eine komplexe éducation sentimentale erfährt, um dann erst ganz am Ende sagen zu können: »Mein Name ist Bond. James Bond.«

Nach den Krisengebieten präsentiert uns der Film die paradiesischen Gefilde: die Bahamas und Miami. Im neuen Bondschen Universum scheinen Krisenherde und Traumziele nur zwei Seiten einer Medaille zu sein. Jedenfalls ist auch im Paradies bald die Hölle los. Bond muss am Flughafen von Miami den Terroranschlag auf ein Großraumflugzeug verhindern. Bei seiner Rettungsaktion stürmt er auch einmal durch die "Körperwelten"-Ausstellung Gunther von Hagens, die gerade in Miami stattfindet. Die Kamera verweilt dabei kurz auf einem bizarren Arrangement: Man sieht mehrere plastinierte Leichen um einen Pokertisch herumsitzen, Spielkarten in den Händen. Ein morbid-glamouröses Memento mori wird hier entworfen, das gleichsam die skeletthafte Basis für den zentralen Plot des Films darstellt. Hamlet meets Bond.

Nach dem Actiontrip rund um die Welt kommt es nämlich zu einer großen Pokerpartie im Casino von Montenegro, nach dem Zerfall von Jugoslawien ein schicker Ort der Korruption. In einer undurchsichtigen Welt der Kapitalflüsse, in der Ideen und Ideologien nur Täuschungsmanövern dienen und in der fast jede Überzeugung zum Bluff wird, ist es nur folgerichtig, dass bei einem Kartenspiel über das Schicksal der Menschheit entschieden wird.

Bond tritt beim Poker gegen den mysteriösen Superbösewicht Le Chiffre an, den Bankier weltweit operierender Terrornetzwerke, gespielt vom dänischen Dogma-Star Mads Mikkelsen. Weitere Spieler: einige Superreiche und natürlich ein Mann vom CIA. Bond und Le Chiffre spielen beide mit Unsummen geborgten Geldes, sie sind quasi die Marionetten von Buchhaltern, Geldgebern und geheimnisvollen Hintermännern.

Das britische Schatzamt freilich sendet seine sinnlichste Beamtin, um Bonds Spielgeld zu verwalten: die schöne Vesper Lynd, gespielt von der Französin Eva Green, die ihren Durchbruch mit Bertoluccis »Dreamers« hatte. Im Spiel gegen Le Chiffre und im Flirt mit Vesper wird Bond zur Charakterfigur – er darf und kann schlagfertig, sophisticated und emotional sein. Beinahe ein wenig altmodisch hat Bond-Routinier Martin Campbell dieses Pokerspiel inszeniert, als einen Tanz der Blicke und Gesten. Unterbrochen wird die Partie immer wieder von surreal anmutenden Actionszenen. Einmal stirbt Bond beinahe infolge einer Vergiftung, um mit Hilfe von Vesper tatsächlich wiedergeboren zu werden ...

Im letzten Teil des Films, der im wahren Geiste des Serial-Kinos dem Melodramatischen vorbehalten ist, muss Bond lernen, Schmerzen zu ertragen. Die körperlichen steckt er noch ziemlich locker weg. In der Tradition großer britischer Masochisten wie Lawrence von Arabien nimmt er die Folterungen von Le Chiffre hin, der übrigens oft spektakulär aus einem versehrten Auge blutet. Aber nichts droht Bond so zu verletzen wie die Liebe zur seltsamen Vesper. Eva Green komplettiert nach Diana Rigg und Sophie Marceau das Trio der ernsthaften, melodramatischen Bond-Heroinen.

Mit Vesper reist Bond in den Epilog des Films hinein, ein Trip nach Venedig, in die Stadt der Liebe und des Todes. Vesper trägt dabei um den Hals ein merkwürdiges Amulett, eine Art Knoten, der für alle privaten und globalen Verwicklungen des Films zu stehen scheint. Bond kann das Geheimnis dieses Knotens nicht lösen. Am Ende aber hat Daniel Craig als neuer, rauer Bond seine böse Unschuld verloren. Und die letzten bedeutenden Worte gehören der geheimen Übermutter "M": »Manchmal sehen wir vor lauter Feinden unsere Freunde nicht mehr.«

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