Kritik zu James Bond 007 – Ein Quantum Trost

© Sony Pictures

Das beliebteste Franchise der Filmgeschichte ist nach einem erfolgreichen Neustart schon wieder ins Trudeln gekommen. Unter der Regie von Marc Forster wirkt James Bond deprimierend verloren

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Eine tröstliche Gewissheit vorweg: Wenn erst all die Trümmer abtransportiert und die Scherben aufgekehrt sind, wenn der Pulverdampf sich verzogen und unser geschätzter Meisterspion endlich eine Mütze voll Schlaf genommen hat, dann wird die Bond-Evolution weitergehen, wie sie immer weitergegangen ist während der letzten 46 Jahre. Die Produzenten werden einsehen, dass sie den neuen, in »Casino Ro­yale« noch so eindrucksvoll reinkarnierten Helden bereits in seinem zweiten Abenteuer mit Vollgas in eine Sackgasse gejagt haben. Und schon im nächsten, dem 23. Bond werden wir wieder Esprit, Erotik und Charme präsentiert bekommen und nicht bloß Härte, Rasanz und noch mehr Härte.

Derzeit ist Bond so etwas wie Gottes einsamster Krieger: von Trauer zerfressen und von Rache getrieben, hetzt er von einem Megastunt zum nächsten und regrediert dabei zur ebenso unkontrollierten wie unkontrollierbaren Kampfmaschine. Fast schon mitleiderregend, wie er vor lauter Wut die Zeugen gleich reihenweise »versehentlich« tötet, wie er die Cocktails wahllos in sich hineinkippt als letztes Mittel gegen den inneren Schmerz. Seine Bosse lassen ihn fallen, seinen letzten Verbündeten schickt er unfreiwillig in den Tod, und seine einzige weibliche Eroberung gelingt ihm mit dem dämlichen Spruch, die Dame möge ihm doch bei der Suche nach dem Briefpapier helfen. Wenn Bond am Ende dann die matten Avancen der schönen, aber uncharismatischen Olga Kurylenko zurückweist, macht man sich gar ernsthaft Sorgen um seine Potenz. Aus dem Lover ist ein Loner geworden, und von da ist es bis zum Loser nicht weit.

Aber noch wollen wir den Stab nicht brechen über den kernigen Daniel Craig, dessen stoische Effizienz, gepaart mit muskelbepacktem Machismo, diesen Bond allemal reizvoller erscheinen lässt, als es die lässige Überheblichkeit eines Pierce Brosnan je vermochte. Und auch die Story von »Ein Quantum Trost« (der Titel entstammt einer ansonsten nicht weiter verwendeten Ian-Fleming-Kurzgeschichte) enthält, wie schon im voraufgegangenen Film, Elemente, die das Bond-Universum deutlich stärker in der Wirklichkeit verorten als die meisten der früheren Beiträge zur Reihe. In »Casino Ro­yale« ging es noch, prophetisch, um mit Börsengeschäften verspekulierte Milliarden, hier nun dreht sich alles um die knapper werdenden Ressourcen des Planeten, um Öl und Wasser, und darum, wie in den globalisierten Strukturen alle mit allen vernetzt, alle in alles verstrickt sind. Die Fronten zwischen Gut und Böse, West und Ost, Oben und Unten haben sich endgültig aufgelöst; selbst der britische Außenminister hält es für angemessen, mit Schurken Geschäfte zu machen und dafür einen lästigen Querulanten wie 007 zu opfern.

Das verleiht dem Film eine interessante paranoide Note, darf aber nicht darüber hinwegtäuschen, dass wir es mit einem überaus wirren und streckenweise unverständlichen Plot zu tun haben, der sich kaum noch Mühe gibt, die Bond-üblichen Sprünge von Kontinent zu Kontinent angemessen zu motivieren und die Machenschaften der Bösewichte rund um den farblosen Mathieu Amalric wenigstens einigermaßen plausibel erscheinen zu lassen. Sollte der Wasserhandel in Bolivien einen Gangster dieses Formats tatsächlich derart reizen können? Und würden die Topleute der geheimsten Geheimorganisation der Welt sich wirklich quer über die Zuschauerreihen der Bregenzer Seebühne verteilen und ihr Meeting per Funkkonferenz abhalten?

Aber um Logik geht es Regisseur Marc Forster bei seinem ersten Ausflug ins Actionfach nicht, eher schon um Logistik. Er treibt seinen Protagonisten von einer Verfolgungsjagd zur nächsten, und seine Inszenierung, offensichtlich stark inspiriert von der Ästhetik der »Bourne«-Serie mit Matt Damon, ist von erschütternder Atemlosigkeit. Raum, Zeit und Physik spielen keine Rolle mehr in dieser Stakkato-Choreographie; es kracht und scheppert im Halbsekundentakt, und irgendwann ist dann alles egal. So reduziert Forster Bond auf das reine Spektakel, von dem sich »Casino Ro­yale« eben erst so raffiniert distanziert hatte.

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