Kritik zu Immer noch eine unbequeme Wahrheit: Unsere Zeit läuft

© Paramount Pictures

2017
Original-Titel: 
An Inconvenient Sequel: Truth to Power
Filmstart in Deutschland: 
07.09.2017
L: 
98 Min
FSK: 
Ohne Angabe

Im Nachfolgefilm zu »Eine unbequeme Wahrheit« von 2006 bringt Al Gore den Zuschauer auf den neuesten Stand des Kampfs gegen den Klimawandel

Bewertung: 3
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Wenn man einem Dokumentarfilm der letzten Jahre praktische Wirkung zuschreiben kann, dann wohl der oscargekrönten Dokumentation »Eine unbequeme Wahrheit«. David Guggenheims Film von 2006 wird ein wesentlicher Anteil am erhöhten Bewusstsein für den Klimawandel vor allem in den USA zugeschrieben. Protagonist und Sprecher in einer Person war dabei der ehemalige Vizepräsident von Bill Clinton, Al Gore, der sich nach seiner umstrittenen Niederlage bei den Präsidentschaftswahlen 2000 gegen Bush Junior als Aktivist der Mission gegen die Erderwärmung verschrieb.

Auch im Sequel unter der Regie von Bonni Cohen und Jon Shenk ist Gore in Mehrfachfunktion dabei: Als Bühnenpräsentator bei Schulungstreffen des von ihm geleiteten Climate Reality Projects. Als Umweltaktivist, der zu Projekten um den Erdball reist und den Klimagipfel von Paris 2015 mit vorbereitet. Und als Kommentator des Films. Eine weltretterische One-Man-Show also. Man kann bezweifeln, ob Gores Rolle bei der Übereinkunft mit der indischen Delegation um die Gerechtigkeit zwischen Industrie- und Entwicklungsländern nicht – sei es nun der Eitelkeit oder der Dramatik geschuldet – ein wenig übertrieben angelegt ist. An der Substanz des Films ändert das wenig.

Nun hat sich seit 2006 viel geändert, der Wahlsieg eines Klimawandelleugners in den USA samt Austritt aus dem Pariser Abkommen an erster Stelle. Der Film wurde in größten Teilen vorher produziert und so auf dem Filmfestival von Sundance vorgestellt, laut Beschreibungen in der US-Filmpresse wurden aber nachträglich einige diesbezügliche Änderungen in die Anfangs- und Endsequenz des Films eingebaut.

Diese Aktualisierung muss sein, wichtiger an dem »neuen Al Gore« aber ist wohl, dass es dem Film – obwohl er sich im Kommentar ausdrücklich an US-Bürger wendet – gelingt, sich von genau dieser Fixierung auf den US-Präsidenten zu lösen und sich, neben Schreckensbildern von Fluten und Gletscherschmelze, dem beachtlichen Fortschritt in der Sache selbst an einigen Orten zuzuwenden. Ländern wie Norwegen oder lokalen Initiativen wie dem erzkonservativen Bürgermeister eines texanischen Städtchens, der aus ökonomischer und ökologischer Vernunft auf CO2-freies Wirtschaften umgestellt hat.

Der Film demonstriert, dass durch Engagement und technischen Fortschritt viele energetisch avancierte Ziele in den letzten Jahren regional vorschnell erfüllt werden konnten. Leider bleibt es hier aber generell bei der bloßen Behauptung und Statistiken, die konkrete Umsetzung sieht man ebenso wenig wie die konkreten Quellen der Treibhausgase. Einzelne Klimakiller, wie Verkehr, Fleischproduktion oder das Bevölkerungswachstum selbst werden gar nicht thematisiert. Wirklich anschaulich wird es nur bei höchst interessanten Einblicken in das politische Geschehen und Geschachere um den Pariser Gipfel. Sonst ist der Film vor allem Mutmacher. Und das Beharren auf ein paar Wahrheiten ist in Zeiten »alternativer Fakten« ja auch schon ein Wert.

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