Kritik zu Im Herzen der See

© Warner Bros. Pictures

Ron Howard erzählt die wahre Geschichte des Walfängerschiffs Essex nach, die Herman Melville als Inspiration zu seinem »Moby Dick« diente

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4 (Stimmen: 1)

Ein Ereignis wie der Untergang des amerikanischen Walfängerschiffs Essex würde man heute schon zwei, drei Jahre später auf die Leinwand bringen. Man kann sich förmlich vorstellen, wie die Überlebenden bei der Begrüßung von Agenten umschwärmt werden, die die Filmrechte kaufen wollen. Seinerzeit – die Essex fuhr 1821 aus Nantucket aus, nur sechs Mitglieder der Crew kehrten anderthalb Jahre später ohne Schiff zurück – sah es wohl eher so aus, wie es Ron Howard in den Schlussszenen seines »Im Herzen der See« zeigt: Die Details des Schiffbruchs wollte man der Öffentlichkeit lieber verschweigen. Die Angst dahinter war eine ganz moderne: man fürchtete um das Investitionsklima im lukrativen Walölbusiness.
Bekannt ist das Schicksal der Essex heute noch, weil Herman Melville die Geschichte als eine der Quellen für seinen »Moby Dick« verwendete. Seine Intention galt dabei explizit nicht der true story, wie der Roman auch belegt. »Was ich schreibe, wird Fiktion sein«, lässt Howard seinen Melville (Ben Whishaw), einen von Gewissensnöten geplagten Essex-Überlebenden (Brendan Gleeson) versichern. Anders als »Moby Dick« aber will »Im Herzen der See« nun, ganz in der Mode unserer Zeit, die wahre Geschichte erzählen.

Dass der Film die Konvention einer Rahmenerzählung bemüht, ist dafür aber kein guter Anfang. Dazu erscheinen Ausstattung und Kulisse auf den ersten Blick derart künstlich, dass man sich eher im Fantasy-Genre als im True-Story-Gebiet wähnt. Das Holzschnittartige der Figuren tut sein Übriges dazu: In der Rahmenhandlung nimmt Whishaw als verständnisvoller Jungschriftsteller dem bärbeißigen Säufer Gleeson die Beichte ab, in der Binnenerzählung steht Chris Hemsworth als anständiger Bootsmann einem arroganten Kapitän Pollard (Benjamin Walker) gegenüber. Hemsworth spielt Owen Chase, dem die Kapitänswürde für die Essex verweigert wird, weil Pollard der Sohn eines Investors ist. Die Konfliktlage scheint so klar wie langweilig: Pollard wird mit Misstrauen beäugt, zu Chase schauen alle auf; Pollard macht Fehler, Chase springt auf die Takelage, sobald ein Segel klemmt.

Doch genau dann, wenn man sich abwenden möchte, weil hier alles so vorhersehbar scheint, bekommt die Erzählung Wind in die Segel. Verantwortlich dafür ist natürlich der Wal. Hier vergisst man die Computergeniertheit der Bilder und staunt über Aufnahmen, die aus Über- und Unterwasserperspektive den Riesenleib des Meeressäugers in seiner majestätischen Schönheit zeigen und dabei zugleich die Verletzlichkeit der Menschen und die Hybris ihres Unternehmens vor Augen führen. In diesen Momenten erreicht »Im Herzen der See« eine existenzielle Dimension, die dem Film sonst fehlt. Weder Hemsworth noch Walker bekommen vom Drehbuch mehr zu tun, als vorbildlich fähig und vorbildlich unfähig zu sein. Der Rest der Crew muss sich damit begnügen, an den eigenen Leibern Strapazen und Auszehrung zu demonstrieren. Die Möglichkeiten für interessante Ambivalenzen – dass nämlich Lichtgestalt Chase letztlich den Schiffsuntergang verursacht – lässt der Film links liegen, weil man mit dem Schreckgespenst des Kannibalismus winken kann. Obwohl das wieder nach wahrer Geschichte klingt: In dem Moment, wenn es um Verdursten und Verhungern geht, verblassen Konflikte um Befehlsfolge und Männerstolz.

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