Kritik zu I Love You Phillip Morris

© Alamode

2009
Original-Titel: 
I Love You Phillip Morris
Filmstart in Deutschland: 
29.04.2010
L: 
97 Min
FSK: 
16

Jim Carrey gibt im Debütfilm des Drehbuchautorenduos von »Bad Santa« einen manischen Hochstapler. Das wirklich Unglaubliche aber ist, dass die schrille Tragikomödie auf einer wahren Geschichte beruht

Bewertung: 4
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Es wäre langsam an der Zeit, ein filmisches Subgenre einzurichten, das sich etwa unter »Unglaublich, aber wahr!« abheften ließe. Dazu gehört die Vita des Ausbrecherkönigs Steven Russell, die der Journalist Steve McVicker aufzeichnete. Die erste Hälfte seines Lebens verbrachte Russell als Polizist und vorbildlicher Familienvater in Texas. Nach seinem Coming-out zog er ins Schwulenmekka Key West, finanzierte sein Dolce Vita mit Betrügereien und landete im Gefängnis. Dort lernte er seine große Liebe Phillip Morris kennen. Mehrmals brach er aus, um mit Morris zusammen zu sein, und erschwindelte sich in den Phasen der Freiheit wahnsinnige Geldsummen, die er noch schneller verprasste.

Ewan McGregor, der zuletzt in einem anderen »Unglaublich, aber wahr!«-Film, in »Männer, die auf Ziegen starren« als Stichwortgeber auftrat, spielt Phillip Morris, das Objekt der Begierde: einen süßen, schüchternen Knacki, außen und innen blond. Bei seinem Anblick wird Steven (Jim Carrey) wie vom Blitz getroffen. Es ist Carrey, der hier die Rolle seines Lebens spielt, der die gewagte Mischung aus Komödie, Romanze und Melodram zusammenhält. Sein Gummigesicht mit dem stets etwas verzweifelten Haifischgrinsen und seine manische Energie prädestinierten ihn von jeher für Rollen à la »Dummschwätzer« oder »Die Maske«. Auch hier spielt er seine multiplen Rollen wie mit Ausrufezeichen und kaspert sich so perfekt in seine Scheinidentitäten hinein, dass er authentischer wirkt als die studierten Anwälte, Finanzmanager und heterosexuellen Ehemänner um ihn herum.

Carrey führt die Hochstapelei als schöne Kunst und Vollmeise zugleich vor und bleibt bei aller Lügerei stets Sympathieträger. Auch der abgehackte filmische Rhythmus passt sich Stevens springteufelhafter Persönlichkeit an und wechselt, wie ein straff gespanntes Gummiband, das zurückschnellt, von pathetischen, romantischen Momenten zum totalen Gegenteil. Dabei überschreitet die Komik, etwa wenn es um Stevens vermeintlich bevorstehenden Aidstod geht, mit Aplomb Tabugrenzen. Geradezu subversiv erscheint dieser amerikanische Schwejk, wenn er vorführt, wie leicht sich starre bürokratische Apparate, seien sie in Konzernen, Krankenhäusern oder Verwaltungen, subversiv unterwandern lassen.

Interessant ist der Film auch, wenn er, ohne Homosexualität als etwas Besonderes darzustellen, in der Beziehung zwischen Steven und seinem Phillip entlarvend heterosexuelle Strukturen widerspiegelt. Steven wirft sich als selbst ernannter Ritter des niedlichen Blonden in die Brust. Phillip wiederum gibt das brave Hausmütterchen, das sich von seinem Mann, der in seiner Firma das große Rad dreht, vernachlässigt fühlt und Pralinen futtert.

Dass diese burleske Schlawinertragikomödie dennoch ein schales Gefühl hinterlässt, liegt vielleicht daran, dass, anders als etwa in »Catch me if you can« oder im deutschen Hochstaplerpsychogramm »So glücklich war ich noch nie« hinter Stevens Masken nichts ist. Der Schwindler ist pure Oberfläche und setzt Köpfchen und Körper ausschließlich für seine sofortige Wunscherfüllung ein: ein konsumbesessener Hedonist in rasendem Leerlauf. Auch die viel beschworene Liebe erscheint deshalb nur als Mimikry einer großen Leidenschaft.

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