Kritik zu Große Freiheit

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Sebastian Meises Gefängnisdrama um den wegen Paragraf 175 immer wieder ­einsitzenden Homosexuellen Hans und seinen Kumpel Viktor macht auf ein düsteres Kapitel deutscher Rechtsgeschichte aufmerksam

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Wie viel ein Streichholz doch erzählen kann. In der unmenschlichen Dunkelheit der betonkalten Einzelarrestzelle, in die Hans (Franz Rogowski) mehrfach nur mit Unterhose weggesperrt wird, spendet es Licht. Die Flamme wandert einmal über das gesamte Holz, bevor die Zelle wieder in absoluter Finsternis verschwindet und auch der rostige Stahleimer für die Notdurft keinen Schatten mehr wirft. 

Mit einem Streichholz beginnt in Sebastian Meises Gefängnisdrama »Große Freiheit« eine Freundschaft. Bei der ersten Begegnung zwischen Hans und Viktor (Georg Friedrich) will Letzterer den neuen Zellengenossen aus den vier kalten Wänden jagen, den »Perversen«, der wegen Paragraf 175, der sexuelle Handlungen zwischen Männern unter Strafe stellt, einsitzt. Hans bekommt nirgends Feuer für die ersehnte Kippe, bis sich der tätowierte Viktor, ein Berg von einem Mann, schließlich doch erbarmt und seinem schwulen Genossen eine Streichholzschachtel herüberwirft. 

Es werden viele, viele Zigaretten geraucht in den Gefängnisräumen, die Meises Film nach einer Sequenz im Gerichtssaal zu Beginn nur am Ende kurz verlässt. Das Klacken von Holz auf Schachtel wird zum vielsagenden Groove: Wer raucht, der lebt noch, aber was bleibt einem im Knast auch anderes übrig? »Die Liebe« könnte eine Antwort lauten, die der österreichische Regisseur darauf gibt. Denn die Liebe ist es, von der er erzählt: von der Liebe auf das Leben, das Hans, der Angstfreie, nicht frei leben kann, weil er Männer liebt.

Besagter Paragraf 175 ist ein schwarzes Kapitel der deutschen Rechtsgeschichte. 1871 im Deutschen Kaiserreich als Strafe für »widernatürliche Unzucht« zwischen Männern eingeführt, hatte er in der Weimarer Republik Bestand und wurde von den Nazis dahingehend verschärft, dass allein der Verdacht ausreichte, um für bis zu zehn Jahre verurteilt zu werden. Während der Paragraf in der DDR zwischen 1957 und 1968 in abgemilderter Form Anwendung fand und schließlich ganz aus dem Strafgesetzbuch gestrichen wurde, erlaubte die Bundesrepublik zunächst ab 1969 homosexuelle Handlungen zwischen Erwachsenen über 21, ab 1973 wurde das Alter auf 18 Jahre herabgesenkt. Endgültig gestrichen wurde der Paragraf jedoch erst 1994.

Vor diesem Hintergrund entfaltet Meise seine mit Thomas Reider erdachte, über Jahrzehnte reichende Geschichte. »Große Freiheit« springt zwischen den Jahren 1968, 1945 und 1957 und fängt seine Helden in verschiedenen Lebensstadien ein. Viktor, der bis hin zu Drogen alles beschaffen kann und sich aufs Tätowieren versteht, ist immer da, angeklagt für die Ewigkeit, Hans verbringt, das legt die Erzählung nahe, ohne es zu zeigen, immer wieder eine gewisse Zeit auf freiem Fuß. Die Peripherie außerhalb der Gefängnismauern ist eine Lehrstelle, eine externe Welt, die in den konzentrierten Geschehnissen im Knast mitschwingt. 

»Große Freiheit« ist eine Geschichte in konzentrischen Kreisen und Wiederholungen, die sich langsam, aber stetig verdichtet. Oft verstehen wir erst im Nachhinein, wie viel einzelne Situationen wiegen, welche Erfahrungen sie nähren. Wir folgen Hans, je nach Jahr mal jungenhaft dürr, mal mit Bart oder James-Dean-Tolle, diesem tragischen Helden, dem eine große Liebe aufs Heftigste zerstört wird. In Cannes gewann Meises Film, in dem Motive und Figuren des klassischen Gefängnisdramas geschickt zu etwas Neuem verwoben werden, den ­Jurypreis in der Sektion Un Certain Regard. Franz Rogowski und Georg Friedrich brillieren mit feinem Spiel und intimer Präsenz. Sie sind ein geschichtsträchtiges Duo in diesem Film, in dem die Flamme eines Streichholzes auch zum Sinnbild für ein Feuer der anderen Art wird.

Am Ende verschlägt es den Helden in den Club, über dessen Tür in roten Neonröhrenlettern »Die große Freiheit« flackert. Es ist 1969, das Jahr der ersten Reform. Die große Freiheit? Rechtlich mag ein erster Schritt getan sein, gesellschaftlich noch nicht wirklich. Hans sieht seine eigentliche Freiheit schließlich dort, wo man es nicht vermutet hätte. Das ist traurig und schön zugleich, und der Film endet, wie passend: mit einer Zigarette.

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