Kritik zu Goodbye Christopher Robin

© 20th Century Fox

Simon Curtis (»Die Frau in Gold«) erzählt vom Kindheitstrauma des Vorbilds für den Gefährten von Winnie the Pooh und seinen Freunden

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Literatur kann tückisch sein, Autoren können sich ihre Lebenstragik vom Herzen schreiben, doch was ist mit den Menschen in ihrem Umfeld, deren Lebensgeschichten unweigerlich mitverarbeitet werden? In »Goodbye Cristopher Robin« erzählt Simon Curtis vom Preis, den der Sohn von A.A. Milne für die zauberhaften Geschichten von Winnie the Pooh und seinen drei Freunden, dem kleinen Schweinchen, dem Esel und dem Tiger bezahlen musste.

Es ist gar nicht so leicht, in diesen Film und seine Welt hineinzufinden. Zu sehr sperren sich die Menschen darin gegen Sympathie und Identifikation. Da ist zunächst mal der junge Vater (Domhnall Gleeson), ein empfindsamer Schriftsteller, der von den Erfahrungen des Ersten Weltkrieges gezeichnet ist, von großer Literatur gegen den Krieg träumt und sich fern von London auf dem Land Heilung für seine Schreibblockade erhofft. Dann seine kapriziöse Frau (Margot Robbie), die den gesellschaftlichen Vergnügungen stärker zugetan ist als ihrer Familie und die Versorgung ihres kleinen Sohnes Christopher Robin weitgehend dem Kindermädchen Olive (Kelly McDonald) überlässt, dem einzigen Menschen, der hier weniger mit sich selbst als mit anderen beschäftigt ist und echte Herzenswärme verströmt. Als die eines Tages zu ihrer todkranken Mutter reisen muss, ist der Vater gezwungen, sich auf seinen Sohn einzulassen und dabei hilflos wie viele Männer dieser Generation. In der heilen Idylle der englischen Landschaft, in den lichten Wäldern und auf den saftigen Wiesen, findet er dann überraschend einen Zugang. Gemeinsam fantasieren sie die liebreizenden Geschichten um den kleinen Bären Winnie the Pooh. Doch was als intimes Geheimnis zwischen einem Vater und einem Sohn beginnt, wird mit der Veröffentlichung zum weltweiten Phänomen.

Auf einmal lechzt alle Welt nach Geschichten von dem Jungen, der durch die Buchserie zum Star wurde. Fotografen und Journalisten überfallen und vereinnahmen das Kind, den Eltern fehlt die Erfahrung und das Mitgefühl, um ihren Sohn gegen diese frühe Form der Paparazzi-Übergriffigkeit zu schützen. Stattdessen zerren sie ihn vor die Kameras und lassen ihn posieren, als wäre auch er nur ein Stofftier. Was als zauberhafte Fantasie in den Wäldern begann, als anrührender Brückenschlag zwischen den einander fremden Welten von Erwachsenen und Kindern, wird zum Albtraum, dem der Junge später nur entfliehen kann, indem er trotzig ausgerechnet das Kriegserlebnis sucht, das der Vater nie überwunden hat.

Die im Grunde faszinierende Geschichte über die Verstrickungen von Wirklichkeit und Literatur und die Ursprünge des modernen Mediendilemmas bleibt unter der Regie von Simon Curtis (»My Week with Marilyn«, »Die Frau in Gold«) seltsam nichtssagend, blass und unentschieden zwischen der Magie der Kindergeschichten und dem Trauma der anschließenden Vermarktung. Im Herbst legt Marc Forster nach, sein Christopher Robin dockt als Erwachsener auf wohl sehr viel tröstlichere Weise an seinen Kindheitsfreund Winnie the Pooh an.

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