Kritik zu My Week with Marilyn

© Ascote Elite

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Mit 27 Koffern trafen Marilyn Monroe und ihre Entourage am 13. Juli 1956 zu den Dreharbeiten von The Prince and the Showgirl in London ein. Dieses Detail spart Simon Curtis in seinem Kinodebüt My Week with Marilyn jedoch diskret aus. Bei Curtis fällt Monroes Ankunft in England weniger glamourös aus. Denn zunächst müssen noch einige Vorurteile entkräftet werden. Mit Vorurteilen hatte Marilyn Monroe ihre ganze Karriere hindurch zu kämpfen. Gut dokumentiert ist ihr langjähriger Rechtsstreit mit der 20th Century Fox bezüglich ihrer Rollenvorstellungen. Marilyn hatte es satt, ewig auf die naive blonde Sexbombe festgelegt zu werden. England sollte den Wendepunkt in ihrer Karriere bedeuten. Ein Jahr zuvor hatte sie Hollywood bereits den Rücken gekehrt und war nach New York gegangen, um bei Lee Strasberg Schauspielunterricht zu nehmen. Gemeinsam mit dem Fotografen Milton Greene wollte sie zukünftig ihre eigenen Filme produzieren. The Prince and the Showgirl, deutsch Der Prinz und die Tänzerin, war ihre erste große Herausforderung: ein Film außerhalb der USA und die erste Zusammenarbeit mit einem Theaterstar, Sir Laurence Olivier.

Doch erst einmal stellt sie sich den lästigen Fragen der Journalisten. Drehbuchautor Adrian Hodges erstellt in My Week with Marilyn ein Potpourri aus älteren Pressekonferenzen, die längst in die Geschichte eingegangen sind. Ob sie den Namen Gruschenka buchstabieren könne, will ein Reporter in Anspielung auf ihre Ankündigung, die weibliche Hauptrolle in der Verfilmung von Die Brüder Karamasow übernehmen zu wollen, wissen. Monroe kontert schlagfertig. Auch die Frage, ob es denn stimme, dass sie nackt schlafe, pariert sie souverän, noch dazu mit einem entwaffnenden Lächeln. Die Meute raunt. Feuerprobe bestanden. A star is reborn!

Mitte der fünfziger Jahre war Marilyn Monroe der unumstrittene Star des amerikanischen Kinos, ein weltweiter Exportschlager wie nur Ford oder Coca Cola. Aber sie war auch ein Kind des Studiosystems, vielleicht das letzte Erfolgsprodukt des klassischen Hollywood, in dem alte, zigarrenqualmende Patriarchen noch das Sagen hatten. Die Ära, in der das Studio der Star gewesen war, ging unweigerlich ihrem Ende entgegen. Auch Marilyn Monroe sah die Zeit für ein Re-Branding gekommen. Der Vertrag, den sie 1955, nach dem Erfolg von Das verflixte siebte Jahr, mit der Fox aushandelte, wurde in Branchenkreisen als kleine Revolution gefeiert: der Aufstand einer Vertragsschauspielerin gegen das Studiosystem. Ihr nächster Film Bus Stop, ihre erste eigene Produktion, war auch ein Ruf nach Anerkennung. Zwar war das naive Saloongirl Cherie noch den alten Rollenmustern verhaftet. Doch wie beherzt sie sich den ungehobelten Avancen ihres Verehrers, eines jungen Cowboys, widersetzte, ließ bereits erahnen, dass Monroe nun endlich den Respekt einforderte, der ihr, die Lee Strasberg immerhin später als seine neben Marlon Brando gelehrigste Schülerin bezeichnete, gebührte.

In My Week with Marilyn gibt es eine Szene, die Marilyns verzweifelten Kampf um Anerkennung und ihre Minderwertigkeitsgefühle zusammenfasst. Als sie mit ihrem Text ins Stocken gerät und panisch vom Set stürmt, weil sie sich ihrer Rolle nicht gewachsen fühlt, hält Laurence Olivier (Kenneth Branagh) sie am Arm und beruhigt sie mit den Worten, sie solle doch einfach nur das tun, was sie am Besten könne: sexy aussehen. Unter Tränen verlangt sie darauf nach ihrem väterlichen Mentor Lee.

In diesem Widerspruch von Mythos und Selbstbild liegt vielleicht die große Tragik Marilyn Monroes. Die Tragik, dass ihre Zeitgenossen und die Nachwelt stets ausblendeten, was nicht in das Bild des strahlenden Stars passte oder für die Konfiguration eines Stars schlicht als Sekundärtugend erachtet wurde: Talent, Köpfchen, Sensibilität, Ängste, Ernsthaftigkeit, Selbstbestimmung. Die Marilyn-Bilder,  die durch die Popgeschichte geistern, von Madonna über Nicole Kidman bis Lindsay Lohan, sind lediglich profane Gesten einer Versöhnung mit der Vergangenheit. Klischees. So endlos durchgenudelt und zurechtgestutzt, dass das Fernsehen über Jahrzehnte der einzig angemessene Ort für Marilyn-Reverenzen blieb. Umso paradoxer, dass Hollywood für den ersten Monroe-Kinofilm mit Simon Curtis ausgerechnet einen langjährigen Fernsehmann rekrutierte.

Curtis hat keine filmische Vorstellung vom Mythos Marilyn, so wie beispielsweise Todd Haynes von Bob Dylan in I’m Not There. My Week with Marylin kann sich jedoch den Verlockungen des Mythos entziehen, weil der Film an einem entscheidenden Punkt in Monroes Karriere situiert ist. Und mit Michelle Williams zudem über eine Darstellerin verfügt, die, gerade weil sie von ihrer schauspielerischen Veranlagung her eine so untypische Wahl scheint, eine Natürlichkeit einbringt, die dem Repertoire von einstudierten Gesten, Schmollmund und Augengeklimper, mit dem Monroe selbst stets kokettierte (auch so ein Widerspruch, denn so sehr sie dem Mythos zu entkommen versuchte, war sie in ihrem Verlangen nach Aufmerksamkeit doch in ihm gefangen), im richtigen Augenblick eine unbefangene Spontaneität verleiht.

So entdeckt Curtis’ Film etwas für Marilyn,  was dem Mythos über all die Jahre abhandengekommen ist: eine ehrliche Anteilnahme, vielleicht sogar so etwas wie liebevolle Zuwendung. Monroe kam nicht nur als Star in das puritanische England, sondern vor allem als Botschafterin eines Lebensgefühls, das die englische Jugend erst Jahre später die Marilyn/Williams bei einer Einkaufstour durch London belagern, ist sie nicht bloß die Verkörperung eines Männertraums oder Sehnsuchtsobjekt, sondern im besten Sinne ein All-American-Girl. Etwas, das im dem Klassendünkel verhafteten England der fünfziger Jahre noch unvorstellbar schien (und im Grunde erst mit Lady Di überwunden werden konnte). England liebte nicht den Mythos, sondern war wirklich von ganzenm Herzen in den menschen verschossen.

Diese Liebe ist gewissermaßen schon in der Vorlage zu My Week with Marilyn angelegt. Die erzählt die Geschichte einer kurzen Romanze, betrachtet durch die rosarote Brille eines jungen Mannes und den Schleier von vier Jahrzehnten. Mitte der neunziger Jahre veröffentlichte Colin Clark seine Memoiren, die von einer unvergesslichen Woche an der Seite des größten und traurigsten Stars, den das amerikanische Kino je hervorgebracht hat, berichteten. Clark war damals erst 23, und sein Wille und seine Vehemenz, einen Job beim Film zu finden, beförderten ihn für einen kurzen Moment in das Kraftfeld von Sir Laurence Olivier: als dritten Regieassistenten von The Prince and the Showgirl. Die Seitenlinie historischer Begebenheiten ist manchmal der beste Ort, um einen Blick auf die Geschichte zu erhaschen. Man darf Clarks Memoiren getrost mit Vorsicht genießen, und man muss Curtis allenfalls solide Handhabung der Geschichte bemängeln. Dennoch ist My Week with Marilyn ein gelungener Film über den Mythos Marilyn und den Menschen Norma Jean Baker. Vor allem aber ist es, ganz besonders dank Michelle Williams, ein schöner Film über das Verhältnis von Norma Jean und Marilyn, gesehen durch die staunenden Augen eines Jünglings, der gar nicht weiß, wie ihm geschieht.

Michelle Williams besitzt ein unvergleichliches Gespür dafür, den menschlichen Schwächen ihrer Figur eine große emotionale Tiefe abzugewinnen. Nicht nur der junge Colin, gespielt vom bislang unbekannten Eddie Redmayne, verfällt ihren Allüren, auch Laurence Olivier kann sich Marilyns verletzlichem Charme nicht entziehen. Doch die beiden Stars finden kein Ventil für ihre diffusen Gefühle. Während Olivier Marilyns Schwächen lautstark vor dem Drehteam bloßstellt, fokussiert sich die Aufmerksamkeit Marilyns, von ihrem Mann Arthur Miller allein in London zurückgelassen, immer stärker auf den Jungen, in dem sie so etwas wie einen Verbündeten vermutet. Der nichts von ihr will und nichts anderes in ihr sieht als das, was sie in Wirklichkeit ist: ein kleines verschrecktes Mädchen, gerade mal dreißig und zum dritten Mal verheiratet, das sich auf der verzweifelten Suche nach einer Vaterfigur immer zu älteren Männern hingezogen fühlt. Den Jüngeren aber umgarnt sie mit ihrer lasziven Unschuld, in vollem Bewusstsein der Konsequenzen.

Williams hat solche dunklen Seiten in Marilyn Monroe aufgespürt, und sie macht sie sich zu eigen, ohne am Mythos zu kratzen. Die Tabletten, der Alkohol, die Depressionen, das alles ist hinlänglich bekannt. Wenn Williams’ Lächeln aber in Sekundenbruchteilen zusammenfällt, oder wenn sie mit Redmayne durch den Park läuft und Marilyn auf die Frage, ob sie sich nicht gemeinsam Sehenswürdigkeiten ansehen wollen, antwortet, dass sie doch selbst die Sehenswürdigkeit sei, dann meint man, ein bisschen besser zu verstehen, wie die Realität hinter dem Mythos beschaffen ist. Dass nämlich jedes Detail, das den Mythos Marilyn konstruiert, schon auf seine tragische Geschichte verweist.

Oberflächlich betrachtet könnte man My Week with Marilyn auch als einen Kampf der Kulturen und Temperamente betrachten. Auf der einen Seite Olivier als Repräsentant der englischen Theatertradition, der sich in den Momenten größter Frustration über seinen weiblichen Star in Shakespeare-Zitate flüchtet. Wie man sich klassische Schauspielkunst eben so vorstellt. Und auf der anderen Seite das sprunghafte, scheinbar undisziplinierte Glamourwesen, das mit eigenem Schauspielcoach, Paula Strasberg, als Einflüsterin am Set erscheint. Colin bringt es im Film auf den Punkt: »Sir Laurence «, erklärt er Marilyn, »leidet, weil er ein großer Schauspieler ist, der ein Filmstar sein möchte. Und du leidest, weil du ein Filmstar bist, der gerne eine große Schauspielerin wäre. « Die Geschichte gibt Clark am Ende recht. Olivier agierte in The Prince and the Showgirl hölzern, während Monroe dem Film mit ihrem überbordenden Temperament und ihrem hinterlistigen Humor erst Leben einhauchte. Von der Marilyn, wie Clark sie in seinen Memoiren schildert, ist in The Prince and the Showgirl nichts zu spüren. Wahrscheinlich macht genau das den Unterschied aus. Zwischen einem großen Schauspieler und einem großen Filmstar.

 

 

 

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