Kritik zu Geister

© Warner Bros. Pictures

Fatih Akin erzählt eine sinnlich-melancholische Liebesgeschichte voller Trauer, Romantik und Hoffnung mit überwältigend poetischen Bildern.

Bewertung: 4
Leserbewertung
0
Noch keine Bewertungen vorhanden

Zwei junge Menschen, umgeben von dröhnenden Beats, tanzenden Feiernden – doch für sie scheint die Zeit stillzustehen. Fast zeitgleich bestellen sie ein Wasser, beide haben gerade ihr mündliches Abitur bestanden, in Physik und mit Bestnoten, ihre Namen ähneln sich: Er heißt Faris (Eren M. Güvercin), sie Farasha (Mariam Dawoud). Seltsam steif, wie in Trance scheint ihr Gespräch, wie aus einem Mund ihre Worte. Da ist eine Verbindung, die spürbar ist, die jedoch jäh unterbrochen wird. Als Faris Farasha und ihre betrunkene Freundin Una (Carlotta von Falkenhayn) mit seinem Freund Max (Gabriel-Winner Amorin) nach Hause fährt, wird er in einen Unfall verwickelt. Farasha stirbt. Es ist der Ausgangspunkt von Fatih Akins betörend schönem, melancholischem und nachdenklichem Liebesdrama.

Wenig vorher hatte Farasha noch mit ihren vier jüngeren Schwestern und ihrer Mutter am Grab des Vaters gestanden. Nach der Flucht aus Syrien war er vor wenigen Jahren überraschend gestorben. Noch am Grab warnt die Mutter Farasha, sie solle nicht zurückblicken, sonst weinten einem die Geister nach. Dass sie den Geist ihres Vaters nur wenig später bei ihrer eigenen Beerdigung treffen wird, ahnt sie da nicht. Er sagt ihr, dass sie 40 Tage Zeit hat, um einem geliebten Menschen im Traum zu begegnen, danach verschwänden die Toten im Nebel der Erinnerungen. Fortan taucht Farasha in Faris’ Träumen auf, sie lernen sich kennen, erzählen sich von ihren Träumen, Wünschen und ihren bisherigen Leben. Sie schmieden Pläne. Irgendwann sagt Faris zu seinem Freund Max: »Wenn mich jemand fragen würde, ob ich eine Freundin habe, würde ich Ja sagen. Eine Fernbeziehung, weil sie tot ist.«

Doch trotz oder gerade wegen dieser Begegnungen geht es Faris immer schlechter, er weiß, dass seine Zeit mit Farasha abläuft. Und er will selbst nicht mehr leben, um ihr nahe zu sein. Immer wieder ist er oder sind die beiden in Tunneln, Hofeingängen, U-Bahnhöfen, in den Alsterarkaden zu sehen, als wandelten sie zwischen den Welten. Surreal wirken diese Bilder oft, die die großartige Kamera von Frank Griebe (»Babylon Berlin«) einfängt. Mal ist es der Hamburger Fernsehturm, wo hoch oben die jungen Leute ihr Abi gefeiert haben und der zum zentralen Ort für Faris wird, mal der menschenleere Rathausvorplatz mit seinen geometrischen Bodenmustern, mal ein ausgestorbener Busbahnhof oder verödete Hafenareale. Einmal mehr hat Fatih Akin mit seinem Film seiner Heimatstadt Hamburg ein visuelles Denkmal gesetzt – ohne jeglichen Touristenkitsch.

Auch sonst vermeidet Akin, der zuletzt mit »Amrum«, der Verfilmung der Kindheit seines filmischen Ziehvaters Hark Bohm, für Furore sorgte, allzu viel Pathos. Er konzentriert sich ganz auf seine beiden Hauptfiguren, die in ein existenzielles Dilemma geraten. Wie weit darf und kann die Liebe gehen, ohne andere allein zu lassen? Dafür findet Akin auch dank der Bildgestaltung von Griebe und des Schnitts von Andrew Bird betörend schöne Bilder, getragen von dem klugen, eindringlichen Score von Malakoff Kowalski. Seine Geschichte ebenso wie seine Inszenierung lassen unausweichlich Reminiszenzen an Hitchcocks »Vertigo« und Wim Wenders’ »Der Himmel über Berlin« erkennen.

Wirklich grandios ist auch die Besetzung: Mit seiner Hauptdarstellerin Mariam Dawoud hat Akin eine junge Syrerin gefunden, die seit vielen Jahren in Österreich lebt und keinerlei Schauspielerfahrung hatte und doch so kraftvoll diese junge Frau in ihrer emotionalen und kulturellen Komplexität spielt. Farasha ist eine gläubige Muslimin, die als Einzige in ihrer Familie Kopftuch trägt und doch modern, selbstständig und unabhängig ist. Und Eren M. Güvercin, der aktuell unter anderem in der Serie »Euphorie« zu sehen ist, verleiht seinem Faris eine schmerzhafte Zerbrechlichkeit. Dieses Paar lebt die sinnliche wie intellektuelle Verbundenheit. Dawoud strahlend schön und tapfer, Güvercin zunehmend an Körper und Geist beschädigt.

»Geister« besticht auf allen Ebenen. Das Label »Fantasy« führt dabei allerdings auf eine völlig falsche Fährte und auch der Titel ist seltsam belanglos-nichtssagend.

Meinung zum Thema

Ihre Meinung ist gefragt, Schreiben Sie uns

Mit dieser Frage versuchen wir sicherzustellen, dass kein Computer dieses Formular abschickt