Kritik zu The Five Obstructions

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Lars von Trier vs Jørgen Leth: fünf Mal entsteht ein Kurzfilm neu

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Der dänische und auf Haiti lebende Filmemacher Jørgen Leth ist bei uns noch ein Unbekannter. Rund 30 Filme hat der in Dänemark auch als Autor und Kommentator bekannte Regisseur realisiert; darunter der experimentelle Kurzfilm Det perfekte Menneske (Der perfekte Mensch, 1967), eine Reflexion über Modernität und Zivilisation. In The Five Obstructions hat Leth sich auf ein Projekt mit Lars von Trier eingelassen.

Leicht hat Lars von Trier es weder sich selbst noch seinen Mitarbeiten jemals gemacht. Schon bevor er mit Thomas Vinterberg und anderen Weggefährten das Dogma-Manifest verfasste und damit von Dänemark ausgehend das Kino der Welt revolutionierte, unterwarf er sich selbst bereits immer neuen Regelwerken. In seinem neuen Coup legt er nun die sonst eher versteckt ausgeteilten Karten offen, in einem dialogischen Spiel, das er mit seinem Vorbild und Mentor, dem Dokumentarfilmregisseur Jørgen Leth, anzettelt.

Ausgangspunkt des Spiels, das zugleich Kür und Pflicht, kreativer Tanz und perfider Schlagabtausch ist, bildet der zwölfminütige Kurzfilm Der perfekte Mensch, den Leth 1967 in Schwarzweiß gedreht hat. Und im Grunde ist allein das schon ein subversiver Moment, denn an nichts ist Lars von Trier weniger interessiert als an der Perfektion, jedenfalls der im klassischen Sinne. So gehen die beiden den Bedingungen und Gesetzmäßigkeiten ihrer Arbeit auf den Grund, und der Frage, wie sehr man sie verarmen kann, um zum größten künstlerischen Reichtum zu kommen.

Wie sieht der perfekte Mensch aus, wie denkt er, wie rasiert er sich, wie zieht er sich an, wie raucht er: Leth wusste schon damals, dass es nur um das Spiel gehen kann und nicht um ein Ergebnis. Seine Arbeitsweise als Filmemacher beschreibt er als "beobachten und warten, was geschieht". Nun nimmt er die Fäden von damals etappenweise wieder auf, nach den Vorgaben des ebenso asketischen wie schalkhaften jüngeren Kollegen, der ihm für jede der fünf Hindernisse absurde Anforderungen stellt. Gleich im ersten Teil darf beispielsweise jede Einstellung nur zwölf Sekunden dauern, was eine harte Nuss ist für den Regisseur, der jedoch die Fesseln als Befreiung nutzt, indem er seine langen Szenen einfach in kurze Stakkatoabschnitte zerhackt und sie auf diese Weise in einen ganz neuen Rhythmus überführt, der dem Film eine eigenartige, magische Poesie verleiht. "Die zwölf Sekunden waren ein Geschenk", stellt er dann auch verwundert bei der Nachbesprechung mit von Trier fest und scheint einen Moment lang selbst überrascht zu sein, wie gut seine Methode funktioniert: Je strenger die Regeln sind, desto befreiender wirken sie für die Kreativität, was im Grunde nichts anderes ist als die Essenz des Dogma-Manifests. Selbst den Fluch, einen Zeichentrickfilm machen zu müssen, wendet Leth mit Esprit noch zum Besten.

So ist dieser Film die Dokumentation der Entstehung eines Films von den Vorbesprechungen bis zu den Dreharbeiten, aber auch seine Analyse in den Diskussionen über das jeweils fertige Werk. Zwischen Therapiesitzung und intimen Geständnissen ist er das Zeugnis der Freundschaft von zwei Regisseuren und zugleich eine Befragung des Mediums Film und eine Philosophie des Kinos. Wie ein kubistisches Kunstwerk schimmern die unterschiedlichen Perspektiven gleichzeitig in immer neuen Facetten auf, und ganz nebenbei kann man einen langen Blick in das Zentropa-Büro werfen, jener kreativen Keimzelle des dänischen Kinos, in der Leth und von Trier nach jedem Etappenziel mit Kaviar und Vodka feiern - was einen Hauch von Russenmafia mit der dekadenten Aura der Künstlerbohème verbindet.

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