Kritik zu The Event

© Grandfilm

2015
Original-Titel: 
The Event
Filmstart in Deutschland: 
26.05.2016
L: 
74 Min
FSK: 
Ohne Angabe

Sergei Loznitsa montiert Leningrader Straßenaufnahmen von den Tagen des »Augustputsches« im Jahr 1991 zu einer Collage über Masse und Politik

Bewertung: 4
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Am 19. August 1991 stellte das russische Militär den Präsidenten der damaligen UdSSR, Michail Gorbatschow, unter Hausarrest. Kurz darauf verkündete das sogenannte »Staatskomitee für den Ausnahmezustand« die Absetzung des Regierungschefs. Grund für den Putsch waren die angeblichen Bestrebungen Gorbatschows, die Dezentralisierung und Auflösung der Sowjetunion voranzutreiben. Nach drei Tagen kehrte Gorbatschow in sein Amt zurück, ein halbes Jahr später gründete sich die Gemeinschaft Unabhängiger Staaten (GUS) als De-facto-Nachfolger der UdSSR. Mit »The Event«, einer Chronologie der Ereignisse zwischen dem 19. und dem 21. August 1991 im damaligen Leningrad, knüpft der ukrainische Filmemacher Sergei Loznitsa an seinen preisgekrönten Dokumentarfilm »Maidan« über die Euromaidan-Proteste im Dezember 2013 an. Loznitsa standen Aufnahmen des St. Petersburger Dokumentarfilmstudios zur Verfügung, das damals mit acht Kameraleuten in den Straßen unterwegs war, um die Reaktionen der Bevölkerung einzufangen.

Formal fällt »The Event« weniger streng aus als »Maidan«, der mit seinen epischen Einstellungen der historischen Dimension der Ereignisse gerecht zu werden versuchte. Die Stärken des Found-Footage-Films liegen gezwungenermaßen in der Bild- und Tonmontage das Schwarz-Weiß-Materials, dessen Unmittelbarkeit den Bildern eine fast paranoide Qualität verleiht. Aufgrund der Entfernung zum Machtzentrum in Moskau waren die Bürger des damaligen Leningrads auf Nachrichten aus dem Radio angewiesen. So ist im ersten Drittel des Films die Unsicherheit der Bevölkerung regelrecht greifbar. Menschen hängen an Radiogeräten, tauschen spärliche Informationen aus, Gerüchte über Gorbatschows Tod machen die Runde, und vor den Toren der Stadt sollen die ersten Panzer stationiert sein. Während die Stadtväter noch um Ordnung ringen, sind die ersten Bürger beim Errichten von Straßenabsperrungen zu sehen.

Wie schon in »Maidan« geht es Loznitsa dabei weniger um eine Deutung der Ereignisse, auch die politischen Hintergründe des Putschversuchs erschließen sich aus dem Filmmaterial nicht. Im Mittelpunkt stehen die Menschen, die von den Umbrüchen regelrecht überrumpelt werden. Revolutionäre Subjekte sind sie streng genommen nicht, aber sie beweisen angesichts der Unübersichtlichkeit ihrer Situation eine enorme Disziplin. »The Event« zeigt die Bevölkerung von Leningrad als selbst organisiertes Kollektiv, das für seine gerade erkämpften Freiheiten eintritt. Auf der Straße werden Brechstangen gesammelt, Bürgerpatrouillen sichern die Straßen gegen kommunistische Hasardeure, und vor dem Rathaus verkündet Bürgermeister Anatoli Sobtschak, dass die Beamten den Anweisungen aus Moskau keine Folge zu leisten haben. Eine schärfere Kontur bekommen die Bilder durch Loznitsas kongeniale Tonmontage, die O-Töne von der Straße, Radionachrichten, Reden, Folksongs und Tschaikowskis »Schwanensee« zu einem dramatischen Hörspiel verbindet. Protest und Propaganda verschwimmen zu einer Soundcollage, die auch die Ungewissheit der Bevölkerung widerspielgelt.

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