Kritik zu Enzo
Robin Campillo (»120 BPM«) erzählt von einem 16-Jährigen, der seinen Weg ins Leben sucht, und verfilmt damit das letzte Drehbuch von Laurent Cantet.
Den Vorspann dieses Films zu betrachten, ist so bewegend, wie es vor wenigen Monaten bei »Amrum« der Fall war. Er kündigt eine zärtliche Stabübergabe an: Der Film eines Regisseurs, der verstorben ist, wurde nun von einem engen Freund realisiert. Laurent Cantet erlag wenige Wochen vor dem Drehbeginn von Enzo einem Krebsleiden. Sein langjähriger Weggefährte zögerte nicht, sein Erbe anzutreten – nicht in dessen Stil, sondern seinem eigenen.
Herausgekommen ist dabei kein postumer Film, sondern ein Vermächtnis, das an der Schwelle zur Zukunft steht. Er handelt von vorläufigen, noch namenlosen Gefühlen, die dringender nicht sein könnten. Er trägt sich im Sommer zu, der Jahreszeit der Fülle, deren Flirren Jeanne Lapoiries Kamera leichtfüßig einfängt. Der 16-jährige Enzo (Eloy Pohu) stammt aus einer wohlhabenden Familie, die an der französischen Riviera lebt. Ihm stünden viele Wege offen, er besitzt zum Beispiel Talent zum Zeichnen. Er jedoch hat kleine Ambitionen, das fürchten zumindest seine Eltern; sein Lebenshunger aber ist groß. Nachdem er die Schule abgebrochen hat, macht er nun eine Lehre auf dem Bau. Die Mutter (Élodie Bouchez, die dem französischen Kino lange abhandengekommen schien) lässt ihn gewähren. Enzos Wunsch, etwas zu bauen, das Bestand hat, rührt sie. Der Vater (Pierfrancesco Favino, ein verlässliches, zweifelndes Kraftzentrum) gibt sich Mühe, seine Enttäuschung zu verbergen. Der Universitätsdozent würde gern die Rolle des Förderers übernehmen, was ihm bei Enzos älterem Bruder gelungen ist.
Bei der Arbeit stellt sich Enzo anfangs reichlich ungeschickt an, bis ihn der aus der Ukraine stammende Vlad (Maksym Slivinskyi) unter seine Fittiche nimmt. Der Lebenselan des gut aussehenden Migranten fasziniert ihn. Zu diesem Faszinosum gehört auch der Krieg, vor dem Vlad geflohen ist und der seine Heimat verwüstet.
Es gibt aber auch eine ehemalige Schulkameradin, die Enzo mag. Ihr Rendezvous, und dessen brüskes Ende, ist eine der wenigen unschlüssig inszenierten Szenen; Cantet/Campillo gehen allzu resolut über ihre romantische Vieldeutigkeit hinweg. Enzo verliebt sich stattdessen in Vlad, der seinem Begehren aber klare, taktvolle Grenzen setzt. Er ist ein Mentor, kein Geliebter. Wird es ihm gelingen, den Sturm der Gefühle aufzuhalten, in den Enzo sich begibt?
Enzo ist ein Träumer, immer wieder streift sein Blick empor zum Himmel über La Ciotat, wo die Brüder Lumière einst die berühmte Einfahrt eines Zuges filmten. Aber die Weite und Offenheit des Ambientes sind Enzo zu eng, die ratlose Liebe seiner Eltern erstickt ihn. »Du hast Glück«, entgegnet Vlad, »einen Vater zu haben, der sich so um dich sorgt.« Der Film ist gut darin, unterschiedliche Blickwinkel einzunehmen: Seine Achtsamkeit ist agil und elastisch. Jede Gefühlsregung hat ihr Recht, wird aber differenziert in ihren Zusammenhang gestellt. Eine dieser Nuancen ist die Klassenzugehörigkeit, die zuerst aufscheint, als Enzos verärgerter Chef ihn heimbringt und sich sogleich einschüchtern lässt vom Wohlstand der Familie. Sie könnte auch Enzo und Vlad trennen. Aber wenn sich ein Sturm gelegt hat, kann die Zeit der Zuversicht beginnen.




Ihre Meinung ist gefragt, Schreiben Sie uns