Kritik zu Enfant Terrible

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Mit Oliver Masucci in der Haupt­rolle und einem prominenten ­Ensemble verfilmt Oskar ­Roehler das Leben Rainer Werner ­Fassbinders – und macht seinen besten Film seit langem

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Als »Enfant terrible des deutschen Films« wurde auch er schon des Öfteren bezeichnet, und zumindest in seinem Interesse für gesellschaftliche Schieflagen, menschliche Niedertracht und die Provokation des Kulturbetriebs ist Oskar Roehler ein Geistesverwandter des 1982 verstorbenen großen »RWF«. Dass Roehler nun Fassbinders Leben in einen Spielfilm verwandelt, erscheint daher nicht nur folgerichtig, man kann sich für dieses Wagnis eigentlich keinen anderen Filmemacher vorstellen. Zwar gab es da schon mal einen Versuch, mit einigem Wagemut inszeniert – Eva Mattes als Fassbinder! –, doch »Ein Mann wie Eva« von Radu Gabrea (1984) hinterließ keinen bleibenden Eindruck.

Auch Roehler nähert sich mit der nötigen Risikobereitschaft dem widersprüchlichen Genie. Das Drehbuch, gemeinsam mit Klaus Richter verfasst, verarbeitet Fassbinders künstlerischen Werdegang und sein untrennbar damit verflochtenes Privatleben zu einer Reihe von anfangs oft willkürlich scheinenden Episoden, die sich gegen Ende zu einem stets intimer werdenden Porträt verdichten. 

Alle Figuren – die toten tragen ihren echten Namen, die noch lebenden Pseudonyme – bewegen sich durch betont theaterhafte Kulissen, in denen ganze Küchenzeilen oft nur mit grobem Strich gemalt sind. So bleibt viel Raum für die Darsteller und die, wie von Roehler nicht anders zu erwarten, angemessen drastischen Szenen aus einem wilden Leben. Betont wird diese Stilisierung noch von Carl-Friedrich Koschnicks farbintensiver Bildgestaltung, während Martin Todsharows in einem konventionellen Sinn »schöne«, eingängige Musik die Bilder erdet. So behält man stets im Bewusstsein, dass hier alles Spiel und Inszenierung ist, ohne dass dies jedoch der emotionalen Wirkung Abbruch tut.

Zügig schreitet »Enfant Terrible« wichtige Stationen von Fassbinders Karriere ab, angefangen mit seiner handstreichartigen Übernahme einer Inszenierung des »Antiteaters« in München 1967 als noch völlig Unbekannter. Einige Szenen erzählen von der Dynamik in RWFs bunter Truppe, die er gnadenlos manipuliert und drangsaliert – Anlass für Szenen zwischen Groteske und Psychohorror. »Was glotzt ihr? Ihr habt alle Angst, euch dreckig zu machen. Aber einer muss hier ja das Arschloch sein!«

Fassbinders manische Produktivität und sein künstlerischer Furor kommen aber ebenso zur Geltung, mit Szenen von Dreharbeiten zu »Liebe ist kälter als der Tod« oder »In einem Jahr mit 13 Monden«, Roehlers erklärtem Lieblings-Fassbinder. Dazwischen die Schwulenbars, die Affären und Liebesgeschichten, Obsessionen und Enttäuschungen, eine Lebens- und Liebeswut, die sich zwangsläufig an der Realität brechen muss. Zwei Liebesgeschichten, zwei Suizide – El Hedi ben Salem und Armin Meier – prägen zusammen mit den sich steigernden Drogenexzessen die zweite Hälfte von »Enfant Terrible« und unterstreichen die Tragik des Menschen Fassbinder.

Oliver Masucci, von der Physiognomie her nicht gerade eine zwingende Besetzung, scheint diesem immer ähnlicher zu werden, je länger man ihm zuschaut. Seine Darstellung vereint mit großer Selbstverständlichkeit das Berserkerhafte und Gemeine mit Leidenschaft und Zärtlichkeit und findet immer wieder Raum für leise Momente. Aus dem Ensemble ragen außerdem Hary Prinz, der einen wunderbaren Kurt Raab gibt, und – besonders überraschend – Jochen Schropp heraus, den man eher als TV-Moderator denn als Schauspieler kennt, der hier aber eine berührende Darstellung als verzweifelt liebender Armin Meier bietet.

Wie Roehler und Masucci in ihrer Hommage an diese überlebensgroße Figur Fassbinder die derben und spektakulären Züge nachzeichnen, ihr dabei aber abseits des »Mythos RWF« den Ernst, die Verletzlichkeit und Widersprüchlichkeit eines Menschen zurückgeben, das ist eine ziemlich beachtliche Leistung.

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